Kurzgeschichte aus Kitzbühel: Manchmal ist der Abgrund nicht draußen, sondern im Kopf
Inhaltswarnung:
Diese Kurzgeschichte enthält psychologische Spannung, Angst- und Panikgefühle sowie Themen rund um innere Bedrohung und mentale Überforderung. Keine physische Gewalt, aber intensiver, beklemmender Mind-Horror.
Ich wusste schon in der Gondel, dass etwas nicht stimmte. Nicht wegen des Wetters. Wegen mir. Dieses dumpfe Drücken im Brustkorb, als läge eine Hand schwer auf meinem Herzen. Normalerweise beruhigte mich die Höhe hier in den Kitzbüheler Alpen: der Blick, die Weite, das Gefühl von Abstand zu allem. Aber heute war es anders.
Shortstory: Nicht umdrehen
Als ich ausstieg, verschluckte der Nebel sofort jedes Geräusch. Kein Wind, kein Vogel, nur dieses gedämpfte Nichts, in dem jeder Ton stirbt, bevor er richtig entsteht. Die Welt bestand aus einer einzigen weiß-grauen Fläche. Kein Horizont, kein oben oder unten. Nur eine grenzenlose Fläche, die mich zwang, in mich selbst zu sehen. Ich versuchte, ruhig zu atmen. Reiß dich zusammen. Du bist hier, um den Kopf frei zu kriegen.

Am Geländer wechselte der Wind abrupt die Richtung, riss den Nebel auf, gab den Hang frei, verschloss ihn wieder. Ich mochte diesen Blick nach unten: Er erklärte, warum Menschen hier ihre Grenzen suchen – und manchmal verlieren.
Ich blieb stehen. Zu lange. Der Nebel veränderte ständig seine Form, als hätte er eine eigene Atmung. Manchmal sah ich Schatten darin, Konturen, die verschwanden, sobald ich versuchte, sie zu fokussieren. Vielleicht war es der Wind. Vielleicht mein Gehirn, das im Nichts verzweifelt Bedeutung suchte. Der Gedanke, dass dort etwas sein könnte, war unangenehm. Aber der Gedanke, dass es nichts war, war schlimmer.
Shortstory: Nicht umdrehen
Je länger ich in das Weiß starrte, desto mehr hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht von außen. Von innen. Wie ein zweiter Blick hinter meinen Augen, der zeitversetzt dieselbe Welt wahrnahm. In meinem Kopf begann etwas zu arbeiten – nicht laut, aber stetig, wie ein Gerät, das im Hintergrund anspringt und plötzlich Strom zieht.
Ich ging los. Der Nebel kam mit. Nicht wie Wetter – wie Absicht, als würde er leben und mich umarmen. Der Pfad war schmal, Schotter unter meinen Schuhen, Gras am Rand. Eigentlich kannte ich den Weg. Doch mit jedem Schritt fühlte es sich an, als würde sich nicht der Weg verändern, sondern ich. Als würde ich mich nicht fortbewegen, sondern die Welt unter mir verschieben.
Dann hörte ich meinen Namen. Nicht laut. Nicht geflüstert. Ich blieb stehen. Doch ich drehte mich nicht um. Wenn ich mich umschauen würde, bekäme der Gedanke einen Ursprung. Wenn er einen Ursprung hätte, wäre er real. Das letzte, das ich hier oben wollte, war ein Verfolger, der meinen Namen kannte. Also zwang ich mich, weiterzugehen.
Ich suchte mit der Hand nach etwas Festem, irgendetwas, das mich an die Wirklichkeit band. Erst war da nur Luft. Dann spürte ich Metall – kalt, rau, verlässlich. Das Geländer. Ich war wieder nahe am Rand des Steilhangs. Ich musste im Kreis gegangen sein. Reiß dich zusammen, redete ich mir ein. Doch egal, was ich tat oder dachte: Ein Geräusch wie der Widerhall einer Stimme hinter mir blieb. Es war einfach da, wurde nicht lauter, nicht leiser. Fast war es, als würde es auf den richtigen Moment warten. Ich redete mir ein, es seien Schritte. Doch mit jedem Atemzug passte das Geräusch weniger zu etwas außerhalb von mir. Es klang wie ein Echo, das zu spät zurückkam.
Shortstory: Nicht umdrehen
Ich tastete mich atemlos am Geländer entlang. Unter mir fiel der Hang steil ab – schwarze Tiefe, gefräßig und endgültig. Ich hätte nur einen Schritt machen müssen. Nur einen. Dann wäre alles vorbei gewesen. Ich wartete auf ein weiteres Geräusch. Auf eine Bestätigung der Bedrohung. Stattdessen kam eine Erkenntnis – leise, aber messerscharf: Das Geräusch kam nicht näher, weil es nie hinter mir gewesen war.
Es kam aus mir.
Nicht der Nebel hatte etwas verschluckt. Der Nebel hatte nur sichtbar gemacht, was ich verdrängt hatte. Die Angst lief nicht hinter mir her. Sie saß bereits in mir.
Ich presste meine Stirn gegen das Metall des Geländers, als könnte ich meinen Verstand dort festhalten. Doch in meinem Kopf wurde es enger, dichter, lauter, bis nur noch ein einziger Gedanke übrigblieb: Wenn ich hier weiter nur stünde und diesem Etwas in mir Raum gab, würde ich die Kontrolle verlieren. In diesem Moment wusste ich, was wirklich gefährlich war: Es war nicht der Sturz ins Tal, sondern zu verharren und zuzusehen, wie etwas in mir übernahm.
Ich lockerte den Griff. Nicht aus Mut. Nicht aus Panik – aufgrund einer monströsen Klarheit:
Es war nie dort draußen gewesen.
Es war immer in mir.
Ich ließ los.
Du hast Suizidgedanken?
Bei der Telefonseelsorge gibt es Hilfe!


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Zusammenfassung
Eine Person steigt im dichten Nebel aus der Gondel. Der Weg ist bekannt, doch plötzlich wirkt alles fremd. Je weiter sie geht, desto stärker drängt sich die Frage auf: Ist die Bedrohung draußen – oder in ihr selbst?
Eine Kurzgeschichte von Sucy Pretsch