+++ Schräger Thriller über Verschwörungswahn, Konzernkultur und gnadenlose Selbstoptimierung +++ Emma Stone als eiskalte CEO, ein Imker im Wahn – mit überraschend zärtlichem Finale +++
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Yorgos Lanthimos gilt als einer der aufregendsten Regisseure des modernen Autorenkinos. Berühmt wurde er mit Filmen wie „The Lobster“, „The Favourite“ und „Poor Things“, in denen er Beziehungskonzepte, Machtstrukturen und gesellschaftliche Regeln radikal seziert. Sein Markenzeichen sind künstlich überhöhte Welten, bizarrer Humor, verstörende Gänsehautmomente und eine Mischung aus Horror, Grusel und berührender Menschlichkeit. Mit „Bugonia“ treibt er diesen Stil weiter voran und liefert einen Thriller, der kreativ, schräg und überraschend zärtlich ausfällt.
»Bugonia« – Wenn Verschwörungswahn, Konzernhölle und Menschlichkeit frontal zusammenprallen
Schon immer wirkten die Filme von Lanthimos wie Welten neben unserer Wirklichkeit. Das Skurrile und Groteske wird bei ihm jedoch nie zum Selbstzweck, sondern zum Werkzeug, um unsere Realität schärfer sichtbar zu machen. In „Bugonia“ kollidieren nun zwei Formen der Weltentrückung: die kalte, durchoptimierte Konzernkultur und der hitzige Verschwörungsglaube des digitalen Zeitalters. Gerade diese Reibung macht den Film so spannend und zeitgemäß.
Im Zentrum steht Teddy, gespielt von Jesse Plemons, der an einen großen geheimen Plan glaubt. Gleich zu Beginn steht er in voller Imkermontur über einem Bienenstock und erklärt seinem Cousin Don seine Theorie: Die Bienen sammeln für die Königin, doch sie sterben, angeblich geplant von dunklen Mächten. Für Teddy ist klar, dass hinter allem eine fremde, feindliche Intelligenz steckt.
Aliens im Vorstandszimmer
Teddys Wahn nimmt eine konkrete Form an, als er die Schuld im All verortet. In seinen Augen sind Aliens aus der Andromeda-Galaxie verantwortlich. Eine dieser Außerirdischen glaubt er in Michelle Fuller gefunden zu haben, gespielt von Emma Stone. Sie ist CEO eines mächtigen Pharmakonzerns, erfolgreich, makellos und unerreichbar. Für Teddy ist sie die perfekte Projektionsfläche. Also beschließt er, sie zu entführen und ihren angeblichen Plan zur Zerstörung der Erde zu durchkreuzen.
Eine brillant montierte Sequenz stellt Teddys trostlose Vorbereitung seiner „Mission“ Michelles perfektem „Girl Boss“-Alltag gegenüber. Auf der einen Seite Liegestütze im muffigen, braunstichigen Wohnzimmer und groteske Selbstopferungsrituale am Lagerfeuer. Auf der anderen Seite beginnt Michelles Tag um 4.30 Uhr mit Beauty-Routine, Training mit Personal Trainer am Pool und der Fahrt im schwarzen SUV ins glänzende Prestige-Büro. Dort hängen Time- und Forbes-Cover mit ihrem Gesicht und Schlagzeilen wie „Leader of the Year“. In einem PR-Video betont sie das Wort „Diversity“ mit fast religiöser Beharrlichkeit. Diese Überzeichnung des Corporate-Sprechs sorgt für bissige, aber sehr treffsichere Satire.
Entführung als schräges Kammerspiel
Gegen Michelles restlos verinnerlichte Selbstoptimierung wirken Teddy und Don eigentlich chancenlos. Erst mit ihren eigenen, drastischen Mitteln können sie das Machtgefälle verschieben. Eine Spritze voller Beruhigungsmittel reicht, um Michelle zu überwältigen. Es folgt ein Kammerspiel im Keller von Teddys Elternhaus, das den Film in Richtung klaustrophobischem Thriller verschiebt.
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Michelle werden die Haare abrasiert, damit sie keinen „Kontakt zum Mutterschiff“ aufnehmen kann. Sie wird an ein Feldbett gekettet und von ihren Entführern gezwungen, ihre angeblich wahre Identität zu gestehen. Während einer bevorstehenden Mondfinsternis soll sie Teddy und Don auf ein Raumschiff bringen, um über die Zukunft der Erde zu verhandeln. Diese Prämisse ist herrlich schräg, zugleich aber erstaunlich konsequent erzählt.
Dass ausgerechnet eine CEO für ein Alien gehalten wird, passt perfekt zur satirischen Schärfe des Films. Drehbuchautor Will Tracy, bekannt von „The Menu“, überträgt die Grundidee des südkoreanischen Kultfilms „Save the Green Planet!“ in eine Gegenwart, in der Konzernmacht weiter wächst und Wahrheit immer brüchiger wirkt. Die Figur der Michelle Fuller wird zum Symbol einer entmenschten, aber glänzend polierten Leistungsgesellschaft. Man denkt unweigerlich an Tech-Milliardäre, die in ihrer Hybris tatsächlich wirken, als kämen sie von einem anderen Stern.
»Bugonia« – Wenn Verschwörungswahn, Konzernhölle und Menschlichkeit frontal zusammenprallen

„Bugonia“ schreckt nicht vor harten Bildern zurück. Die Folterszenen, etwa die Stromstöße, greifen Motive wie das mittelalterliche „Hexenbad“ auf. Dennoch wirkt die Brutalität nicht wie billiger Schockeffekt. Kameramann Robbie Ryan hält die Kamera zurückhaltend und klar, vermeidet reißerische Ästhetik und lässt Raum für das Spiel der Darstellenden. Gerade dadurch wirken die Schockmomente intensiver, ohne den Film zu dominieren.
Emma Stone nutzt diese kontrollierte Inszenierung voll aus. Sie zeigt Michelle als strenge, hochfunktionale Anführerin, die unter Druck Risse zeigt, aber nie zur Karikatur verkommt. In der Gefangenschaft schwankt sie zwischen Verachtung, Angst, taktischer Anpassung und einem ganz eigenen, bissigen Humor. Ihre Performance gibt dem Film eine starke emotionale Mitte und sorgt immer wieder für echte Gänsehaut.
Hinter dem Wahn: echter Schmerz
Besonders stark ist „Bugonia“, wenn er hinter Teddys Verschwörungsfantasien schaut. Lanthimos macht ihn nicht zum bloßen Witz oder zur abschreckenden Randfigur. Stattdessen wird Stück für Stück klar, wie sehr Frust und Enttäuschung seine Weltsicht formen. Teddy arbeitet in einem seelenlosen Job als Paket-Scanner in einem Amazon-ähnlichen Logistikzentrum, das zu Michelles Konzernimperium gehört. Jede Schicht besteht aus monotonem Erfassen, immer schneller, immer effizienter.
Gleichzeitig gibt er den vorschnell auf den Markt gebrachten Medikamenten des Unternehmens die Schuld am Leiden seiner Mutter. So verschmelzen für ihn persönliche Tragödie und strukturelle Kälte eines Systems, das Profit über Menschen stellt. Der Verschwörungsglaube wirkt plötzlich nicht mehr nur grotesk, sondern auch wie ein verzweifelter Versuch, Sinn in eine unfaire Welt zu bringen.
Hier zeigt sich die große Stärke des Films: Er verurteilt Teddys Taten klar, verweigert ihm aber nicht die Menschlichkeit. Statt Spott wählt Lanthimos einen Blick, der die Figuren in ihrer Zerrissenheit ernst nimmt. Der Film erinnert daran, dass hinter radikalen Weltbildern oft sehr reale Verletzungen stehen.
Systemkritik mit Gänsehautgarantie
„Bugonia“ zeichnet ein bitteres Bild einer Gesellschaft, die Effizienz predigt und Empathie outsourct. Die Arbeitswelt wird als großes Bienenvolk gezeigt, in dem unzählige Menschen wie auswechselbare Arbeiterbienchen funktionieren sollen. Das Versprechen von Teilhabe wird immer wieder gemacht, aber selten eingelöst. Aus diese Kluft entsteht ein strukturelles Gefühl von Nicht-Dazugehören.
Lanthimos zeigt, wie Ohnmacht sich in den Wunsch nach Selbstermächtigung verwandelt und im obskuren Verschwörungsglauben neue Heimat findet. Dabei verliert der Film nie seinen schwarzen Humor und seine Lust am Absurden. Statt trockener Gesellschaftsanalyse liefert er ein Kinoerlebnis voller Schockmomente, bizarrer Einfälle und überraschend zarter Augenblicke.
Ein überraschend zärtliches Finale
Trotz aller Härte, des Wahns und der Gewalt steuert „Bugonia“ auf ein unerwartet bewegendes Finale zu. Lanthimos gönnt seiner Geschichte eine leise, fast kindlich einfache Pointe, die ohne große Erklärungen auskommt. Hier zeigt sich der Filmemacher von seiner vielleicht bislang menschlichsten Seite. Die zuvor so scharf gezeichnete Entfremdung wird nicht einfach aufgelöst, aber mit einem Moment echten Mitgefühls konfrontiert.
Marlene Dietrichs „When will they ever learn?“ legt sich wie ein melancholischer Schleier über die letzten Bilder. Die Zeile klingt weniger anklagend als mitfühlend und unterstreicht den Kern des Films: die Frage, warum wir einander das Leben so schwer machen.
Fazit: Schräg, klug, berührend
„Bugonia“ ist ein kreativer, mutiger und wunderbar schräger Film, der lange nachhallt. Yorgos Lanthimos verbindet satirische Schärfe, Horror- und Thriller-Momente, gesellschaftliche Kritik und erstaunlich zarte Zwischentöne zu einem eigenwilligen Ganzen. Emma Stone und Jesse Plemons tragen diese bizarre Welt mit starken, nuancierten Leistungen.
Wer Kino mag, das Grenzen verschiebt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt, wird hier reich belohnt. „Bugonia“ ist kein einfacher Film, aber ein zutiefst lohnender – mit Gänsehautgarantie für alle, die sich auf seine verstörend-menschliche Reise einlassen.
„Bugonia“ bringt Oscar-Nominierungen
Sowohl „Bugonia“ als auch Emma Stone sind für die Oscars 2026 nominiert.
- Der Film „Bugonia“ ist in der Kategorie Bester Film (Best Picture) nominiert.
- Emma Stone ist für Beste Hauptdarstellerin (Best Actress) nominiert und zusätzlich als Produzentin des Films mit bei der Nominierung für Bester Film berücksichtigt.
Damit baut Emma Stone ihre beeindruckende Oscar-Bilanz weiter aus und bricht mit „Bugonia“ sogar den bisherigen Rekord von Meryl Streep in Bezug auf Nominierungen in einem bestimmten Kontext.
Textquellen: TAZ, Wikipedia, pagesix.com // Bildquelle: Shutterstock
Zusammenfassung
„Bugonia“ von Yorgos Lanthimos ist ein schräger, satirischer Thriller, in dem Verschwörungswahn auf kalte Konzernkultur trifft. Teddy, ein frustrierter Paket-Scanner, hält die Pharmabossin Michelle Fuller (Emma Stone) für ein Alien und entführt sie, was zu einem brutalen, klaustrophobischen Kammerspiel führt. Dabei verspottet der Film seine Figuren nicht, sondern zeigt Teddy als Produkt einer entfremdeten, auf Effizienz getrimmten Arbeitswelt. Trotz aller Härte endet „Bugonia“ in einem überraschend zärtlichen Finale und verbindet Gesellschaftskritik, schwarzen Humor und echte Gänsehautmomente.