+++ TV-Sender streichen Hunderte Stellen – selbst langjährige Profis stehen vor dem Nichts +++ Marlene Lufen berichtet von Tränen und Angst – Personalchefin warnt vor „dramatischer Zäsur“ +++
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In der deutschen TV-Branche knallt es gewaltig. Hinter den bunten Bildern läuft ein knallharter Kahlschlag. RTL und ProSiebenSat.1 bauen Hunderte Stellen ab, ganze Teams werden zerschlagen. Mittendrin meldet sich „Frühstücksfernsehen“-Star Marlene Lufen zu Wort – und gibt den Entlassenen eine Stimme.
„Es sind Tränen geflossen“ – Marlene Lufen reißt die Fassade ein

In ihrem Podcast „M wie Marlene“ spricht Lufen plötzlich nicht über Promis, sondern über ihre eigene Branche. Sie beschreibt die Lage als „total dramatisch“. Vor allem in Köln bei RTL seien viele Kolleginnen und Kollegen betroffen. Auch bei ProSiebenSat.1 hätten zahlreiche Menschen auf einmal keinen Job mehr. Von „Hunderten von Leuten“ ist die Rede, viele davon seit 20 Jahren oder länger im Unternehmen. Diese Menschen stünden nun vor einem Scherbenhaufen, wissen nicht, wo sie noch einmal neu anfangen können.
Lufen berichtet, dass bei den Gesprächen Tränen geflossen seien. In den Fluren, in Büros, in Besprechungsräumen. Während vor der Kamera noch gelächelt wird, brechen hinter der Kulisse Existenzen weg. Schon zuvor hatte Moderatorin Katja Burkard von einer regelrechten Kündigungswelle bei RTL erzählt. Es soll Situationen gegeben haben, in denen Menschen so zusammengeklappt sind, dass sogar Rettungswagen gerufen wurden. Die große Fernsehwelt zeigt sich hier von ihrer brutalsten Seite.
„Es sind Tränen geflossen“: Kündigungswelle bei RTL und ProSieben trifft Hunderte Mitarbeitende
Im Podcast sitzt Lufen mit Personalberaterin Kristine Capek zusammen, bekannt als „dieHeadhunterin“ auf TikTok. Capek bestätigt den Eindruck einer „dramatischen“ Zäsur auf dem Arbeitsmarkt. Nicht nur im Fernsehen werde gestrichen, sagt sie. Die Entlassungswellen zögen sich durch viele Branchen. Große Konzerne steckten in strukturellen Krisen, dazu kämen KI-Umbruch und eine schwache Konjunktur. Das Ergebnis: Jobs, die einmal als sicher galten, können von heute auf morgen Geschichte sein.
Capek sorgt sich vor allem um die seelische Seite. Menschen, die jahrelang erfolgreich waren, schreiben plötzlich Hunderte Bewerbungen und bekommen kaum Antworten. Viele fingen an, an sich selbst zu zweifeln. Die Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ werde zum ständigen Begleiter. Aus Unsicherheit werde schnell Verzweiflung. Arbeit sei immer auch ein emotionales Thema, warnt sie. Genau deshalb sei ein anderer Umgang mit Betroffenen nötig.
RTL und ProSiebenSat.1 im harten Sparmodus
Hinter den persönlichen Geschichten stehen nüchterne Entscheidungen der Konzerne. RTL Deutschland hat ein großes Sparprogramm gestartet. Rund 600 Stellen sollen bis Ende 2026 wegfallen. Besonders hart trifft es den Bereich RTL News. Dort verschwinden etwa 230 Jobs, also rund ein Drittel des gesamten Abbaus. Ein massiver Einschnitt in Herz und Hirn der Informationsschiene des Senders.
Offiziell wird von „Neustrukturierung“ und „Fokus auf Streaming“ gesprochen. Der Hintergrund ist klar: Die klassischen TV-Werbeeinnahmen sind seit Jahren im Sinkflug, während der Konkurrenzdruck durch große Streaming-Plattformen wächst. RTL setzt stark auf den Ausbau seines eigenen Angebots RTL+. Parallel werden Strukturen zusammengelegt, Aufgaben gebündelt, Doppelungen beseitigt. Auf dem Papier heißt das: Effizienz. Für viele Beschäftigte bedeutet es schlicht das Ende ihrer Karriere beim Sender.
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RTL versucht, den Einschnitt formal abzufedern. Es werden Abfindungsprogramme aufgelegt, eine Transfergesellschaft eingerichtet. Betroffene werden dort für eine Übergangszeit weiter beschäftigt und sollen beim Neustart unterstützt werden. Am Ende sollen noch etwa 1300 Journalistinnen und Journalisten im Unternehmen arbeiten. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass hier ein ganzer Nachrichtenapparat zusammengedampft wird.
„Es sind Tränen geflossen“: Kündigungswelle bei RTL und ProSieben trifft Hunderte Mitarbeitende
Auch bei ProSiebenSat.1 wird kräftig gespart. Der Medienkonzern streicht rund 430 Vollzeitstellen, um Strukturen zu verschlanken und Kosten in Millionenhöhe einzusparen. Der Druck auf das Management ist hoch. Großaktionäre wie MediaForEurope, der Konzern der Berlusconi-Familie, drängen seit längerem auf einen radikalen Kurs. ProSiebenSat.1 soll sich stärker auf Entertainment konzentrieren und Randgeschäfte abstoßen.
Dazu passt, dass der Konzern Beteiligungen und digitale Dienste verkauft oder zum Verkauf stellt. Gleichzeitig läuft der Umbau im Kerngeschäft. Programm, Produktion, Vermarktung – überall wird geschaut, wo sich Stellen streichen lassen. Auf dem Papier geht es um „Effizienz“ und „Prozesse“. In der Realität stehen dahinter einzelne Redaktionen, Teams, Menschen mit Mieten, Familien und Verpflichtungen.
Der emotionale Preis des großen TV-Umbaus
Die großen Linien sind klar: RTL hat mit dem Verlag Gruner + Jahr fusioniert und rüstet sich für die geplante Übernahme von Sky Deutschland. ProSiebenSat.1 richtet sich neu aus, verkauft Beteiligungen und trimmt das Kerngeschäft. Beide Konzerne treiben ihre Streaming-Strategie voran. Das lineare Fernsehen verliert Zuschauerinnen und Zuschauer, Werbung wandert ins Netz. Der Umbau wird als alternativlos verkauft.
Doch der Preis dieses Umbaus ist hoch. Marlene Lufen beschreibt genau das, was in vielen offiziellen Statements fehlt: die menschliche Dimension. Hinter jedem gestrichenen Posten steht eine persönliche Geschichte. Jemand, der jahrelang Überstunden gemacht hat, Live-Sendungen gestemmt hat, an Programmen gefeilt hat. Jemand, der plötzlich mit einem Gespräch im Konferenzraum alles verliert, was sein Berufsleben ausgemacht hat.
Personalprofi Capek fordert mehr Menschlichkeit in solchen Prozessen. Unternehmen schweben gern auf der Ebene von Zahlen, Kennziffern und Strategiepapiere. Betroffene erleben dagegen eine existenzielle Krise. Deshalb reichten Abfindungen und Übergangsgesellschaften allein nicht aus. Es brauche echte Begleitung, klare Kommunikation, Weiterbildungsangebote und offene Türen, statt nur standardisierte Abschiedsformeln.
Der Umbau der TV-Landschaft wirkt damit wie ein düsterer Thriller, der hinter den Kulissen läuft. Während auf dem Bildschirm Shows, Serien und Spielfilme für Ablenkung sorgen, kämpfen im Hintergrund Menschen um ihre Zukunft. Marlene Lufen und andere geben ihnen nun ein Gesicht. Ihre Berichte zeigen, dass der wahre Horror in dieser Mediengeschichte nicht im Abendprogramm läuft, sondern in den Büros, in denen die Kündigungen ausgesprochen werden.
Textquellen: Focus Online / teleschau (Bericht über Marlene Lufen und die Kündigungswelle bei RTL und ProSiebenSat.1, 10.03.2026); Handelsblatt (Berichte zum Stellenabbau und Sparprogramm bei RTL Deutschland sowie ProSiebenSat.1); DIE ZEIT (Hintergrund zum geplanten Abbau von 600 Stellen bei RTL Deutschland); Luxembourg Times (Analyse zum RTL-Umbau, Streaming-Strategie und Stellenabbau in Deutschland); Deadline (Meldung zum Abbau von rund 430 Stellen bei ProSiebenSat.1 Media) // Bildquelle: Stock Adobe