»Olivia« im ZDF: Die wahre Geschichte hinter Deutschlands berühmtester Dragqueen

»Olivia« im ZDF: Die wahre Geschichte hinter Deutschlands berühmtester Dragqueen

Olivia Jones ist mehr als eine schrille TV-Persönlichkeit. Der ZDF-Eventfilm „Olivia“ erzählt, wie aus Oliver, einem geprügelten Jungen aus der Provinz, eine der bekanntesten Dragqueens Deutschlands wird – und was das über uns als Gesellschaft verrät. Grell, berührend, politisch: Der Film zeigt ihren Weg vom kleinstädtischen Gespött zur gefeierten Medienfigur und macht nebenbei klar, wie hart Freiheit erkämpft werden muss.

»Olivia« im ZDF: Die wahre Geschichte hinter Deutschlands berühmtester Dragqueen

Bjørn Haneld
Auf dem Kiez in St. Pauli findet Oliver Knöbel (Johannes Hegemann, r.) endlich das, wonach er immer gesucht hat: eine Familie. Zur „Olivia-Jones-Familie“ gehören neben anderen Marius Körbel (Daniel Zillmann, l.), Lilo Wanders (Stephan Kampwirth, 2.v.l.) und Lulu Duvall (Victor Schefé, 2.v.r.).

Oliver wächst im niedersächsischen Springe auf. Er liebt Frauenkleider, Make-up und Bühne – und stößt damit auf Ablehnung, Spott und Gewalt. In der Kleinstadt zählt Anpassung, nicht Individualität. Auch zu Hause findet er zunächst keinen sicheren Hafen. Seine Mutter Evelin schämt sich, ist überfordert und gefangen in den Normen ihrer Umgebung. Der Vater sitzt im Gefängnis, der Nachbar Herr Kiesewetter überwacht das Geschehen mit misstrauischen Blicken und verkörpert das engstirnige Klima der Zeit. Oliver lernt früh: Sein „Anderssein“ macht ihn zur Zielscheibe. Doch die Sehnsucht, er selbst zu sein, bleibt stärker als die Angst.

Der Ausbruch aus der Enge führt nach Hamburg, auf den Kiez von St. Pauli. Hier findet Oliver zum ersten Mal echtes Aufatmen. Bars, Neonlicht, Reeperbahn – eine Welt, in der Vielfalt zumindest sichtbar ist. Doch der neue Anfang hat seinen Preis. Armut, entbehrungsreiche Nächte, ständige Unsicherheit und erneute Ausgrenzung gehören zum Alltag. Auftritte sind knapp, Geld ohnehin, Rückschläge an der Tagesordnung. Trotzdem entsteht hier die „Olivia-Jones-Familie“: Menschen, die einander auffangen, wenn die Herkunftsfamilie versagt. Der Kneipenwirt Marius Körbel, ein bulliger Vertreter der älteren schwulen Generation, erkennt Olivers Potenzial sofort. Er gibt ihm ein Zuhause, eine erste Chance auf der Bühne – und damit den Startschuss für Olivia Jones.

Der entscheidende Schritt ist die Verwandlung in die Kunstfigur. Perücke, Plateaus, Glitzer, knallige Outfits, laute Sprüche: Olivia Jones betritt die Bühne und nimmt den Raum ein, der Oliver immer verwehrt blieb. Der Film inszeniert diesen Moment als Mischung aus Triumph und Schutzschild. Die Drag-Persona verstärkt den inneren Kern, statt ihn zu verdecken. Mit jeder Show wächst Olivias Strahlkraft – und gleichzeitig ihr Mut, sich politisch zu positionieren. Sie wird Travestie-Ikone, Entertainerin, Kiez-Gastronomin und öffentliche Stimme für Toleranz und Vielfalt. Hinter all dem Glamour bleiben die Brüche sichtbar. Angst vor Zurückweisung, vor Gewalt, vor HIV – der Film weigert sich, diese Schattenseiten wegzuglätten, und gibt der Verletzlichkeit Raum.

»Olivia« im ZDF: Die wahre Geschichte hinter Deutschlands berühmtester Dragqueen

Parallel zu Olivias Aufstieg erzählt „Olivia“ die Geschichte ihrer Mutter Evelin, gespielt von Annette Frier. Sie lebt in einem Mikrokosmos voller Vorurteile und unausgesprochener Regeln. Als alleinerziehende Mutter, selbst von Ausgrenzung geprägt, versucht sie, zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und der Liebe zu ihrem Kind zu bestehen. Herr Kiesewetter, der Nachbar, tritt als moralischer Aufpasser auf. Er stellt sich scheinbar schützend an Evelins Seite, erwartet dafür aber, dass sie Olivers Verhalten ebenso verurteilt wie er. Lange ist das verlockend, weil es Anpassung verspricht. Doch am Ende entscheidet sich Evelin für Oliver beziehungsweise Olivia – und gegen die Enge der Kleinstadt. Ihr Weg weg von der Scham hin zur Akzeptanz ist leise, aber kraftvoll. Sie wird zur stillen Heldin des Films und zu einer Identifikationsfigur für Eltern, die lernen müssen, ihr Kind zu sehen, statt nur die Normen.

„Olivia“ zeigt deutlich, wie wichtig Wahlfamilie ist. Eine Schlüsselfigur ist Marlene Stelling. Sie begegnet Oliver bei der Musterung, hat ihn aber schon zuvor als Olivia auf der Bühne bewundert. Marlene stellt sich ohne Zögern an seine Seite und bleibt dort durch alle Höhen und Tiefen. In Olivias bunter Welt findet sie selbst ein Zuhause, das sie in ihrem alten Leben vermisst hat. Sie steht stellvertretend für Menschen, die queere Biografien nicht nur tolerieren, sondern aktiv mittragen. Gleichzeitig erzählt der Film von Thorsten, Olivias erster großer Liebe. Er fügt sich den kleinstädtischen Männlichkeitsnormen, hadert aber innerlich stark. Thorsten ist Identifikationsfigur für all jene, die aus Angst vor Ablehnung ein Doppelleben führen. Seine Entwicklung im Film macht Mut: Es ist nie zu spät, sich selbst treu zu werden.

»Olivia« im ZDF: Die wahre Geschichte hinter Deutschlands berühmtester Dragqueen

xv
Nach harten, entbehrungsreichen Jahren auf der Reeperbahn hat Oliver Knöbel als Olivia Jones (Johannes Hegemann) endlich den Durchbruch geschafft.

Um Olivia herum entsteht ein Kosmos aus Figuren, die ganze Milieus verdichten. Die Kunstfigur Lilo Wanders steht für eine frühere Generation queerer TV-Pioniere. Lulu Duvall, eine in die Jahre gekommene Dragperformerin, verkörpert Rivalität, Angst vor dem Verlust des Status und die Narben jahrelanger Anfeindungen. Sie ist dünnhäutig, zerrissen zwischen Eifersucht und tiefer Verletzlichkeit. An ihr zeigt der Film, wie hart erkämpfte Freiheiten ältere Generationen geprägt haben. Der Eventfilm macht klar: Eine glamouröse Oberfläche sagt nichts darüber, wie sicher sich Menschen wirklich fühlen können. Prominenz schützt nicht vor Hass, sondern macht ihn oft sichtbarer. Die Figurenwelt von „Olivia“ erzählt, wie fragil Anerkennung bleibt, wenn die Gesellschaft wieder nach rechts rutscht.

„Olivia“ basiert auf Olivias Autobiografie „Ungeschminkt“. Drehbuchautor David Ungureit musste Episoden auswählen, bündeln und Figuren zusammenführen, damit aus einem ganzen Leben ein 90-minütiger Film wird. Einige Menschen gibt es so wirklich, andere sind verdichtete oder erfundene Charaktere. Wichtig war, dass Oliver beziehungsweise Olivia dem Drehbuch ehrlich zustimmen kann. Genau das ist gelungen. Olivia war eng in die Entwicklung eingebunden, lieferte Einblicke, Material und Perspektiven, ohne ständig korrigierend einzugreifen. Die Produktion um Florida Film, Produzentin Maren Knieling und das ZDF setzte auf enge Abstimmung – von der Drehbucharbeit bis zum Casting. Johannes Hegemann verkörpert Olivia/Oliver, unterstützt von einem starken Ensemble um Annette Frier, Jeremy Mockridge, Daniel Zillmann, Victor Schefé, Stephan Kampwirth und viele andere. Regisseur Till Endemann versteht den Film nicht nur als Biopic, sondern auch als gesellschaftspolitisches Statement.

Wie nah bleibt der Film an der echten Olivia – und was wurde dazu erfunden?
Olivia Jones (Johannes Hegemann) ist Deutschlands bekannteste Dragqueen und ein Medienstar.

Für Hauptdarsteller Johannes Hegemann war klar: Er will keine perfekte Imitation liefern, sondern einen vielschichtigen Menschen. Natürlich passt er Sprache und Körperhaltung an Olivia an, doch wichtiger ist ihm, eine eigene, glaubhafte Interpretation zu entwickeln. Der erste vollständige Drag-Moment vor Drehbeginn wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis. Schminke, Kostüm und Perücke gaben ihm eine kaum gekannte Power. Er spürte plötzlich, wie stark die Wirkung dieser Figur auf andere ist. Der langen Schminkprozedur, begleitet von Musik und Ritual, folgt jedes Mal ein Rollenwechsel. Danach, sagt Hegemann, brauche er nicht mehr viel, um vollständig in Olivia zu sein. Für ihn verbindet der Film Intimität und große theatralische Auftritte: stille Momente vor der Kamera und fulminante Bühnenszenen mit Gänsehautpotenzial.

ZDF-Redaktion und Kreative sehen in „Olivia“ weit mehr als ein buntes Porträt. Der Film steht für Mut zur Selbstbestimmung, die Kraft von Humor und die Notwendigkeit von Akzeptanz. Er spannt einen Bogen von den 1980er-Jahren bis heute und zeigt, wie sich Toleranz langsam erkämpft, aber nie endgültig gesichert wird. Regisseur Till Endemann spricht offen darüber, wie sehr ihn heutige Anfeindungen gegen queere Menschen fassungslos machen. Olivia Jones wird im Film zur Symbolfigur für Zivilcourage und klare Haltung gegen menschenfeindliche Ideologien. Johannes Hegemann betont, dass echte Haltung im Alltag entsteht, nicht auf der schnellen Empörungsbühne in sozialen Medien. Ehrenamt, Hilfsbereitschaft, das Eingreifen bei Ungerechtigkeiten – das sind die Orte, an denen der Geist des Films weiterlebt. Wenn Olivia im Film scherzhaft sagt, sie werde vielleicht eines Tages Bundeskanzlerin, wirkt das wie ein Test für unsere Vorstellung von einem wirklich freien Land. „Olivia“ fragt: Wie viel Diversität halten wir tatsächlich aus – und wofür sind wir bereit einzustehen?

Der Film läuft ab Dienstag, 5. Mai 2026, 10.00 Uhr, ein Jahr lang in der ZDF-Mediathek
Mittwoch, 13. Mai 2026, 20.15 Uhr im ZDF

Textquelle: ZDF // Bildquelle: ZDF/ Thomas Leidig/ Florida Film, Bjørn Haneld, Thomas Leidig


Zusammenfassung

Der ZDF-Eventfilm „Olivia“ erzählt die wahre Geschichte von Olivia Jones: vom ausgegrenzten Jungen Oliver in der niedersächsischen Provinz über harte Jahre auf der Reeperbahn bis zur bekannten Dragqueen und Medienfigur. Im Mittelpunkt stehen Selbstbestimmung, Wahlfamilie, Zivilcourage und der späte Weg einer Mutter, ihr queeres Kind gegen alle Vorurteile zu akzeptieren.

Sende
Benutzer-Bewertung
0 (0 Stimmen)

Du magst vielleicht auch