Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa ist in Berlin. Zwischen rotem Teppich, Wirtschaftshoffnungen und Protesten steht eine Frage im Raum: Mit wem macht Deutschland hier eigentlich Geschäfte?

Ahmed al-Scharaa wird in Berlin mit allen protokollarischen Ehren empfangen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begrüßte ihn im Schloss Bellevue, Außenminister Johann Wadephul im Auswärtigen Amt, ein Treffen mit Kanzler Friedrich Merz ist auch erfolgt. Drinnen geht es um Milliarden, draußen um Moral.

Im Auswärtigen Amt saßen rund 40 deutsche Unternehmen mit am Tisch. Wadephul verspricht, Deutschland wolle eine „starke Rolle“ beim Wiederaufbau Syriens spielen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schwärmt von Chancen in Energie, Bau, Maschinenbau und Sicherheitstechnik. Während die Politik auf „Partnerschaft“ setzt, sehen viele in Deutschland vor allem einen Ex-Dschihadisten im feinen Anzug.

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Der Mann, der jetzt als Übergangspräsident hofiert wird, kommt nicht aus der Diplomaten-Schule, sondern von der Front. Al-Scharaa führte einst eine Islamistenmiliz, die Ende 2024 den Langzeitdiktator Baschar al-Assad stürzte. Er stand der Al-Nusra-Front nahe, einem mit Al-Kaida verbundenen Ableger in Syrien, später der Nachfolgemiliz Hajat Tahrir al-Sham.

Heute präsentiert er sich als staatstragender Übergangspräsident, reist nach Washington, Paris und Moskau und sammelt internationale Anerkennung. Doch Kritikerinnen und Kritiker werfen ihm schwere Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Genau deshalb sorgt der rote Teppich in Berlin für einen politischen Schockmoment.

In Berlin zeichnet al-Scharaa ein düsteres Bild Syriens: 14 Jahre Bürgerkrieg, ein zerstörtes Land, kollabierte Infrastruktur. Gleichzeitig verkauft er diese Katastrophe als „Chance für einen Neuanfang“. Syrien, so seine Botschaft, sei ein künftiger Hotspot für Investoren.

Er stellt das Land als strategisches Drehkreuz zwischen Europa, den Golfstaaten und dem Indopazifik dar. Vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs präsentiert er Syrien als möglichen alternativen Korridor für Energie und Waren. Investitionen in Infrastruktur, Energie, Verkehr, Wohnungsbau und Tourismus werden offensiv angepriesen. In den Berliner Konferenzräumen klingt Syrien plötzlich weniger nach Trümmern, mehr nach „Next Big Thing“.

Offiziell geht es der Bundesregierung um Stabilität. Im Zentrum der Gespräche stehen der Wiederaufbau, die Rückführung syrischer Geflüchteter und die Rolle Syriens im Iran-Konflikt. Regierungssprecher Stefan Kornelius spricht von einem „stabilen und prosperierenden Syrien“ als Ziel. Menschenrechte und die Lage von Minderheiten sollen ebenfalls thematisiert werden – so das Versprechen.

Doch genau hier wird es heikel: Viele Exil-Syrerinnen und -Syrer in Deutschland fürchten, dass „Rückführung“ zu einem politischen Druckmittel wird. Kritikerinnen und Kritiker warnen, Deutschland könnte ausgerechnet mit einem Mann Deals machen, dessen Regierung Minderheiten nicht schützt und teilweise selbst an Übergriffen beteiligt sein soll. In Nordsyrien sind kurdische Kräfte bereits aus mehreren Gebieten verdrängt worden, ihre Autonomie weitgehend zerstört.

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Während drinnen über Lieferwege und Investitionssummen gesprochen wird, füllt sich draußen die Straße. In Berlin sind mehrere Demonstrationen gegen den Besuch al-Scharaas angemeldet. Kurdische und alawitische Organisationen ziehen mit Fahnen und Plakaten durch die Stadt, vom Kanzleramt hin zum Brandenburger Tor.

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Slogans wie „Kein Empfang für den Islamisten Ahmed al-Scharaa“ bestimmen die Kundgebungen. Rednerinnen und Redner erinnern an Massaker, Vertreibungen und systematische Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten. Die Initiatoren werfen al-Scharaa Verantwortung für schwere Verbrechen vor und kritisieren, dass Kanzler Merz mit ihm auch über Rückführungen sprechen will.

Die Kurdische Gemeinde Deutschland fordert offen strafrechtliche Schritte statt Staatsbesuch. Ihr Vorsitzender Ali Ertan Toprak sagt, al-Scharaa gehöre „vor ein Gericht und nicht ins Kanzleramt“. Menschenrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker schließen sich an und warnen vor „Deals mit einem Islamisten“. Selbst als frühere Besuchstermine verschoben wurden, ließen die Proteste nicht nach. Demonstrationen fanden trotzdem statt – als klares Signal, dass die Wut nicht mit dem Kalender endet.

Auch parteipolitisch bleibt es nicht still. Die Linken-Politikerin Cansu Özdemir spricht vom „moralischen Bankrott“ der Bundesregierung. Ihr Vorwurf: Mit diesem Empfang werde ein islamistischer Machthaber normalisiert, der für Unterdrückung und Gewalt gegen Minderheiten verantwortlich gemacht wird. Gerade vor dem Hintergrund geplanter Rückführungen wirkt der Empfang wie ein gefährliches Signal an Schutzsuchende in Deutschland.

Parallel dazu fordern Minderheitenvertretungen in Appellen an Bundestag und Bundesregierung eine klare Kehrtwende. Statt rotem Teppich solle ein Haftbefehl das Mittel der Wahl sein. Zwischen internationaler Anerkennung und Forderungen nach Strafverfolgung spannt sich ein Spannungsbogen, der für maximale politische Spannung sorgt.


⭐️ Info-Clips und Sendungen zum Thema im ZDF

  1. Empfang in Berlin
    Kurzclip zum protokollarischen Empfang Ahmed al‑Scharaas in Berlin
    – Länge: ca. 0:22 min
  2. Einordnung durch Nahost-Experten
    Analyse von Naseef Naeem zu Syriens Lage und der Bedeutung des Besuchs
    – Länge: ca. 6:07 min
  3. Stimmen aus der syrischen Community
    Beitrag mit in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrern zu al‑Scharaa und möglicher Rückkehr
    – Länge: ca. 2:36 min

ZDFheute begleitet den Besuch mit mehreren Info-Videos, die die verschiedenen Ebenen des Themas beleuchten. Ein kurzer Nachrichtenclip zeigt den protokollarischen Empfang: Händedruck vor Flaggen, neutrale Mienen, dazu die knappe Einordnung, dass der Besuch hoch umstritten ist. Das Bild: außen Routine, innen politische Sprengkraft.

In einem längeren Beitrag ordnet der Nahost-Experte Naseef Naeem die Lage ein. Er beschreibt die Wirtschaftssituation Syriens als „katastrophal“, betont aber zugleich den Stolz über die „internationale administrative Anerkennung“ al-Scharaas. Das Video zeigt, wie sehr Syrien zwischen Ruinen, Machtpolitik und dem Wunsch nach internationalem Anschluss steckt.

Ein weiteres Video dreht die Perspektive: Hier kommen Syrerinnen und Syrer in Deutschland selbst zu Wort. Sie sprechen über die neuen Machthaber in ihrer Heimat und über die Frage, ob eine Rückkehr für sie vorstellbar ist. Man hört Hoffnung, Misstrauen, Wut und pure Angst dicht nebeneinander. Die Filme machen deutlich, wie gespalten die syrische Community auf diesen Besuch blickt – und wie weit die Berliner Empfangssäle von den Sorgen der Betroffenen entfernt wirken.

Roter Teppich für Ex-Dschihadisten? Wie Berlin Syriens Übergangspräsidenten hofiert, während auf der Straße demonstriert wird

Während deutsche Unternehmen auf Aufträge hoffen, ringen Politik und Öffentlichkeit mit der Glaubwürdigkeit eigener Werte. Al-Scharaa inszeniert sich als Partner für Stabilität und Wiederaufbau, viele sehen in ihm weiter den Mann, der über die Trümmer anderer zur Macht kam.

Am Ende steht für Deutschland eine unbequeme Frage: Wie weit ist man bereit zu gehen, um Einfluss im Nahen Osten und Zugang zu neuen Märkten zu sichern? Dieser Besuch ist kein Routine-Termin im Protokoll, sondern ein politischer Gänsehautmoment – die Frage bleibt nur, ob sie aus Hoffnung auf Frieden entsteht oder aus dem kalten Schauer einer gefährlichen Gratwanderung.

Textquellen: ZDFheute (Artikel und Videos zum Berlin-Besuch al‑Scharaas), rbb24 (Berichte zu Ankunft, Protesten und Kritik), tagesschau.de (Absage/Verschiebung des Besuchs, Reaktionen kurdischer und alawitischer Gemeinden), Tagesspiegel und DIE ZEIT (Ankündigungen und Berichte zu Demonstrationen in Berlin) sowie Stellungnahmen und Demo-Aufrufe der Gesellschaft für bedrohte Völker und der Kurdischen Gemeinde Deutschland // Bildquelle: Shutterstock, Stock Adobe


Sende
Benutzer-Bewertung
0 (0 Stimmen)

Du magst vielleicht auch