Spurlos verschwunden – ZDF startet True-Crime-Offensive zu Vermisstenfällen

Spurlos verschwunden – ZDF startet True-Crime-Offensive zu Vermisstenfällen

Wenn ein Mensch spurlos verschwindet, bleibt für Angehörige oft nur quälende Ungewissheit. Das ZDF widmet diesem Ausnahmezustand gleich mehrere Formate: zwei Folgen „Terra Xplore“, eine Spezialausgabe „Aktenzeichen XY… Vermisst“ sowie zwei Podcast-Folgen von „Aktenzeichen XY… Unvergessene Verbrechen“.

Spurlos verschwunden – ZDF startet True-Crime-Offensive zu Vermisstenfällen

In der Folge „Vermisst – wie lange bleibt die Hoffnung?“ begleitet Psychologe Leon Windscheid unter anderem Ralf Salice. Dessen Tochter Scarlett verschwand 2020 bei einer Wanderung im Schwarzwald. Trotz eingestellter Suche der Polizei kämpft der Vater weiter um Hinweise. Für ihn bedeutet Hoffnung aktives Handeln, nicht stilles Warten.

Marius Fuchtmann
Psychologin Jana Naß (l.) und Pflegedienstleiter Joergen Grell (M.) sprechen mit Psychologe Leon Windscheid (r.) über Ihre Arbeit im Maßregelvollzug.

Pro Tag gelten in Deutschland rund 250 Menschen als vermisst, etwa 10.000 sind aktuell registriert. Psychologin Prof. Rita Rosner erklärt, warum das Gehirn Ungewissheit kaum aushält. Ständiges Grübeln fühle sich an wie eine Wunde, die immer wieder aufgerissen wird. Hoffnung kann stabilisieren, kann aber auch verhindern, dass der Schmerz verarbeitet wird. Entscheidend ist, ob sie beweglich bleibt oder sich starr an ein einziges Szenario klammert.

Die Sendung erzählt auch die Perspektive der Betroffenen. Nathalie Schöffmann, österreichische Radrennfahrerin, wurde 2019 entführt und stundenlang festgehalten. Sie überlebt, während ihre Angehörigen in der Zeit danach mit der Angst vor dem nächsten Albtraum leben müssen.

Die zweite Folge, „Was tun mit psychisch kranken Tätern?“, führt in die Forensische Psychiatrie. Anders als im Gefängnis gibt es dort kein festes Strafmaß. Entlassungen erfolgen erst, wenn das Rückfallrisiko als möglichst gering gilt. Leon Windscheid lässt sich von Prof. Dieter Seifert erklären, wie Schuldunfähigkeit festgestellt wird und wo Grenzen zwischen Krankheit und Verantwortung verlaufen.

In der Forensik trifft Windscheid unter anderem eine Frau, die seit 16 Jahren untergebracht ist. Sie leidet unter schweren Impulskontrollstörungen und war mehrfach gewalttätig. Der Fall des Serienmörders Niels Högel markiert die andere Seite: Er wurde wegen über 80 Morden zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Eine forensische Unterbringung kam bei ihm nicht infrage, da er kühl planend und voll schuldfähig eingestuft wurde.

Ein Studioexperiment bringt psychisch kranke Täter und Opfer zusammen. Angehörige eines ins Koma geprügelten Mannes, eine überfallene Juwelierin und ein ehemaliger Straftäter diskutieren über Strafe, Therapie und Gerechtigkeit. Deutlich wird, dass viele Opfer sich mehr Hilfsangebote und langfristige Betreuung wünschen.

Spurlos verschwunden – ZDF startet True-Crime-Offensive zu Vermisstenfällen
Psychologe Leon Windscheid (M.) spricht mit Teilnehmenden des Sozial-Experiments über ihre Vermissten-Geschichten.

Die Live-Spezialausgabe „Aktenzeichen XY… Vermisst“ stellt vier ungeklärte Vermisstenfälle ins Zentrum. Moderator Rudi Cerne spricht mit Angehörigen und Polizei und hofft auf neue Hinweise aus dem Publikum.

Vorgestellt werden unter anderem:

  • Jutta Schulz (53), Landkreis Harz – Sie verschwindet im April 2014. Die Polizei sucht einen mysteriösen unbekannten Mann, der mit dem Fall in Verbindung stehen könnte.
  • Alexander Bohnert (51), Landkreis Rastatt – Der Familienvater bricht nach einer Nachtschicht zu einer Wanderung auf. Eine Kamera zeichnet ihn zum letzten Mal auf. Seitdem fehlt jede Spur.
  • Sebastian Geier (27), Landkreis Kitzingen – Er ist körperlich und geistig eingeschränkt. Nach dem Tod seiner Mutter verschwindet er, taucht wieder auf und verschwindet kurz darauf erneut.
  • Corina Niemand (43), Dresden – Die zweifache Mutter gilt seit März 2024 als vermisst. Sie verschwindet aus ihrer Wohnung, ohne erkennbare Spuren. Die Ermittler fragen, ob eine heimliche Verabredung dahintersteckt.

Die Sendung zeigt, wie Angehörige zwischen Hoffnung und Angst gefangen bleiben. Ein endgültiger Abschied ist nicht möglich, solange keine Klarheit herrscht.

Parallel vertieft der True-Crime-Podcast „Aktenzeichen XY… Unvergessene Verbrechen“ das Thema Vermisstenfälle. In der Folge „Vermisst – Wenn jede Spur fehlt“ erzählen die Hosts Rudi Cerne und Conny Neumeyer den ungeklärten Fall der zwölfjährigen Sandra W. aus Berlin. Das Mädchen verschwand im Jahr 2000 auf dem Weg zu einem Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter. Zuletzt wurde sie mit einem unbekannten Mann gesehen, seitdem ist sie verschwunden.

Der Fall wird im Rahmen der BKA-Kampagne zum „Tag des vermissten Kindes“ erneut in die Öffentlichkeit gebracht. Im Studio berichtet Kriminalhauptkommissar Holger Lietz von der 5. Mordkommission Berlin. Ein Interview mit Leon Windscheid beleuchtet außerdem, wie Angehörige mit dem Nichtwissen leben können – und warum dieser Zustand so zerstörerisch sein kann.

Zum Staffelauftakt erscheint außerdem eine Sonderfolge. Sie wurde live auf der re:publica 2026 aufgezeichnet und fragt, wie die verschiedenen „XY“-Formate reale Verbrechen unterschiedlich erzählen. Fernsehen, Podcast und andere Ableger rücken jeweils andere Aspekte in den Mittelpunkt: Ermittlungen, persönliche Geschichten, Einordnung.

Im begleitenden Interview beschreibt Rudi Cerne, warum ihn Vermisstenfälle besonders fordern. Für die Angehörigen gibt es keinen Abschluss, keinen klaren Punkt, an dem das Leben zur Ruhe kommen kann. Die Last der Ungewissheit bleibt oft über Jahre bestehen.

Als Moderator sieht Cerne seine Aufgabe darin, diese Schicksale sensibel zu begleiten und den Familien eine Stimme zu geben. Im Podcast biete das Format mehr Raum für Hintergründe und Emotionen. Die Geschichten könnten dort ruhiger, persönlicher und vielschichtiger erzählt werden als im Studio.

Auf der re:publica diskutierte er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen den „XY“-Kosmos im öffentlichen Rahmen. Für Cerne zeigt der Austausch, dass es nicht mehr nur einen Blickwinkel auf Vermisstenfälle gibt. Entscheidend bleibe jedoch immer: Hinter jeder Geschichte stehen reale Menschen, deren Leben sich durch das Verschwinden eines Angehörigen für immer verändert hat.

Textquelle: ZDF // Bildquelle: ZDF und [F] Nadine Rupp/[M] Marke und Design, Marius Fuchtmann


Zusammenfassung

Das ZDF bündelt mehrere Formate rund um Vermisstenfälle und True Crime.

In zwei Folgen „Terra Xplore“ untersucht Psychologe Leon Windscheid, was das Verschwinden eines Menschen mit der Psyche von Angehörigen macht und wie unsere Gesellschaft mit psychisch kranken Täterinnen und Tätern in der Forensik umgeht.

Die Spezialausgabe „Aktenzeichen XY… Vermisst“ stellt vier ungeklärte Fälle vor und hofft auf Hinweise aus dem Publikum.

Begleitend liefern zwei Podcast-Folgen von „Aktenzeichen XY… Unvergessene Verbrechen“ tiefere Einblicke in Vermisstenfälle – darunter das Verschwinden der zwölfjährigen Sandra W. – und zeigen, wie zerstörerisch Dauer-Ungewissheit für Familien ist.

Sende
Benutzer-Bewertung
0 (0 Stimmen)

Du magst vielleicht auch