MDR-Wahlarena in Sachsen-Anhalt: Was von den Aussagen der Spitzenkandidaten übrig bleibt
+++ AfD liegt in aktuellen Umfragen deutlich vor der CDU +++ Streit über Bildung, Vielfalt und deutsche Identität +++ MDR überprüft Aussagen der Spitzenkandidaten +++
Wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stellten sich die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten in der MDR-Sendung „Fakt ist! Wahlarena“ den Fragen der Bürger. Dabei ging es um Bildung, Inklusion, Kommunalfinanzen, Energieversorgung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Besonders aufschlussreich wurde der Abend immer dann, wenn konkrete Fragen auf ausweichende politische Antworten trafen. Ein begleitender Faktencheck des MDR zeigt zudem: Nicht jede Behauptung hielt einer Überprüfung stand.
Sieben Parteien stellen sich den Bürgern
Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. In der Wahlarena vom 12. August traten die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten von sieben Parteien auf:
- Sven Schulze, CDU
- Ulrich Siegmund, AfD
- Eva von Angern, Die Linke
- Armin Willingmann, SPD
- Susan Sziborra-Seidlitz, Bündnis 90/Die Grünen
- Lydia Hüskens, FDP
- Claudia Wittig, BSW
Anders als bei einer klassischen Fernsehdebatte kamen die Fragen vor allem aus dem Publikum. Das brachte lebensnahe Themen auf die Bühne, führte allerdings nicht zwangsläufig zu ebenso konkreten Antworten. Der „Spiegel“ fasste seinen Eindruck bereits in der Überschrift zusammen: „Echte Bürger stellen echte Fragen – und die Politiker weichen aus.“
Was bedeutet eigentlich „Deutsch denken“?
Eine der eindrücklichsten Szenen des Abends entstand durch die Frage einer Frau, die in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung arbeitet. Sie wollte von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund wissen, was die in seinem Wahlkampf verwendete Formulierung „Deutsch denken“ für die Bildungspolitik konkret bedeute. Außerdem fragte sie, warum Regenbogenflaggen nach den Vorstellungen der AfD aus Schulen verschwinden sollten.
Siegmund erklärte, seine Partei wolle an die „Grundursachen“ heran. Gemeint war offenbar die Frage, warum Menschen nicht mehr stolz auf Deutschland sein könnten. Eine konkrete Verbindung zur ursprünglichen Frage nach Bildung und Regenbogenflaggen stellte er damit jedoch nicht her.
Die Grünen-Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz reagierte deutlich: „Ich bin stolz auf dieses Land.“ Deutschland sei bunt und vielfältig. Regenbogenflagge und Deutschlandflagge seien für sie keine Gegensätze.
Diese kurze Auseinandersetzung zeigte einen der zentralen Konflikte dieses Wahlkampfs: Wird nationale Identität durch Abgrenzung gestärkt – oder gehören Vielfalt und Zugehörigkeit selbstverständlich zusammen?
Der „Spiegel“ beschreibt die Szene ausführlich.
AfD nicht allein für Volksentscheide
Parallel zur Sendung überprüfte eine MDR-Redaktion ausgewählte Tatsachenbehauptungen der Politiker. Eine vollständige Bewertung aller Aussagen war damit nicht verbunden; der Faktencheck konzentrierte sich auf überprüfbare Angaben und ergänzte notwendigen Kontext.

Ulrich Siegmund behauptete, die AfD sei die einzige Partei, die Volksentscheide in ihrem Programm fordere. Das ist laut MDR falsch. Auch Grüne, Linke, SPD und BSW sprechen sich in ihren Wahlprogrammen für Instrumente der direkten Demokratie oder niedrigere Hürden bei Bürger- und Volksentscheiden aus.
Die Programme unterscheiden sich in ihren Einzelheiten. Die grundsätzliche Forderung nach mehr direkter Beteiligung ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der AfD.
Polizeischutz nicht nur für die AfD
Auch Siegmunds Aussage, jede Veranstaltung seiner Partei müsse von der Polizei geschützt werden, während es dies bei anderen Veranstaltungen nicht gebe, hält der MDR für nicht haltbar.
Als Gegenbeispiel nennt die Redaktion Christopher-Street-Day-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt. Aufgrund von Bedrohungen und Übergriffen wurde dort die Polizeipräsenz in den vergangenen Jahren ebenfalls verstärkt. Dass Mitglieder und Veranstaltungen der AfD angegriffen werden, stellt der Faktencheck dabei nicht grundsätzlich infrage. Falsch ist die daraus abgeleitete Behauptung, andere politische oder gesellschaftliche Veranstaltungen benötigten keinen vergleichbaren Schutz.
Denkt jeder fünfte Deutsche ans Auswandern?
Nicht alle Aussagen Siegmunds wurden widerlegt. Seine Angabe, ungefähr jeder fünfte Deutsche denke über eine Auswanderung nach, lässt sich grundsätzlich belegen.
Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung können sich rund 21 Prozent der Menschen in Deutschland prinzipiell vorstellen, das Land zu verlassen. Untersuchungen unter jungen Menschen kommen auf einen ähnlichen Wert.
Der entscheidende Kontext: Eine grundsätzliche Bereitschaft ist nicht mit konkreten Auswanderungsplänen gleichzusetzen. Wer sich ein Leben im Ausland vorstellen kann, hat Deutschland noch lange nicht innerlich gekündigt oder bereits den Umzugswagen bestellt.
Deutschland und die Anwesenheitsschulpflicht
Siegmund bezeichnete die deutsche Anwesenheitsschulpflicht als international nahezu einzigartig. Deutschland unterscheidet sich tatsächlich von vielen europäischen Staaten, weil dauerhafter Hausunterricht hier grundsätzlich nicht erlaubt ist. International gibt es jedoch weitere Länder mit einer verpflichtenden Anwesenheit in der Schule.
Die AfD will die bisherige Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzen und eine Wahlmöglichkeit zwischen Schule und Hausunterricht schaffen. Nach ihrem Programm soll der Unterricht zu Hause denselben Qualitätsstandards unterliegen.
Siegmunds Aussage enthielt damit einen richtigen Kern, war in ihrer Zuspitzung aber ungenau: Deutschland ist nicht das einzige Land mit Anwesenheitsschulpflicht.
„Frauen zurück an den Herd“ steht so nicht im Programm
CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze warf der AfD vor, ihr Regierungsprogramm laufe auf „Frauen zurück an den Herd“ hinaus. Wörtlich findet sich diese Forderung im Programm nicht.
Die AfD Sachsen-Anhalt vertritt allerdings ausdrücklich ein traditionelles Familienbild. Die Partei möchte die Familie aus „Vater, Mutter und möglichst vielen Kindern“ stärker in den Mittelpunkt stellen, traditionelle Rollenbilder fördern und politische Maßnahmen auch danach beurteilen, wie sie sich auf die Geburtenrate auswirken. Gleichstellungsbeauftragte sollen durch Familienbeauftragte ersetzt werden.

Gleichzeitig fordert die Partei kostenfreie Krippen und Kindergärten ab dem ersten Kind. Schulzes Aussage war deshalb keine sachliche Wiedergabe des Programms, sondern eine politische Zuspitzung. Der dahinterliegende Konflikt über Familien- und Rollenbilder ist dennoch real.
Gasspeicher leerer – Versorgung derzeit stabil
Auch die Energieversorgung wurde in der Wahlarena angesprochen. Aus dem Publikum kam die Sorge, die deutschen Gasspeicher seien bereits im Sommer ungewöhnlich leer.
Nach Angaben des MDR liegen die Speicherstände tatsächlich unter denen der Vorjahre. Hohe Marktpreise und veränderte wirtschaftliche Anreize erschweren die Einspeicherung. Energieminister Armin Willingmann verwies jedoch auf zusätzliche Importmöglichkeiten über Norwegen, Belgien, die Niederlande und LNG-Terminals.
Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgung gegenwärtig als stabil und die Gefahr einer angespannten Lage als gering. Leerer als üblich bedeutet somit nicht automatisch, dass Haushalten oder Unternehmen unmittelbar das Gas abgestellt werden müsste.
Alle überprüften Aussagen und Einordnungen finden sich in der MDR-Faktenbasis zur Wahlarena.
Aktuelle Umfragen: AfD deutlich vor der CDU
Die politische Brisanz des Abends zeigt sich in den aktuellen Umfragen. In einer Erhebung des Instituts Pollytix im Auftrag der Organisation Campact kommt die AfD auf 43 Prozent. Die CDU erreicht 23 Prozent, die Linke 13, die SPD 7, die Grünen 5, das BSW 4 und die FDP 2 Prozent.
Für die Befragung wurden vom 3. bis 8. August 2026 insgesamt 2.604 Wahlberechtigte telefonisch und online befragt. Bei der Einordnung muss berücksichtigt werden, dass Campact selbst politisch aktiv ist und sich unter anderem gegen Rechtsextremismus engagiert. (Grafik mit Hilfe von KI erstellt.)

Eine Erhebung von Infratest dimap im Auftrag von MDR, WDR, „Mitteldeutscher Zeitung“ und „Volksstimme“ vom 30. Juli zeigte einen vergleichbaren Trend: AfD 41 Prozent, CDU 24, Linke 13, SPD 6, Grüne 5, BSW 4 und FDP 3 Prozent.
Damit liegt die AfD in unterschiedlichen Umfragen deutlich vor der CDU, erreicht aber keine absolute Mehrheit. Besonders unsicher bleibt der Einzug der kleineren Parteien. Schon geringe Verschiebungen rund um die Fünf-Prozent-Hürde könnten die späteren Mehrheitsverhältnisse erheblich verändern.
Eine Übersicht über mehrere Erhebungen bietet die „Augsburger Allgemeine“.
Wahlumfragen sind grundsätzlich Momentaufnahmen. Sie messen die Stimmung im jeweiligen Erhebungszeitraum und sagen das Ergebnis am 6. September nicht zuverlässig voraus.
Die Fragen waren stärker als manche Antworten
Die Wahlarena zeigte vor allem, wie wichtig direkte Fragen von Menschen sind, die von politischen Entscheidungen konkret betroffen sind. Inklusion, Bildung, kommunale Finanzen und gesellschaftliche Akzeptanz sind keine abstrakten Schlagworte. Sie bestimmen den Alltag.
Gerade deshalb fiel es auf, wenn Politiker eine präzise Frage nutzten, um stattdessen eine vorbereitete Botschaft zu platzieren. Der begleitende Faktencheck war eine sinnvolle Ergänzung: Er ersetzte keine politische Bewertung, machte aber sichtbar, wo Tatsachen verkürzt, zugespitzt oder falsch dargestellt wurden.
Bis zur Landtagswahl bleiben noch mehrere Wochen. Der MDR plant für den 26. August weitere Debatten und erneut eine begleitende Faktenprüfung. Spätestens dann wird sich zeigen, ob die Kandidatinnen und Kandidaten konkreter antworten – oder ob erneut die Bürger die klareren Beiträge liefern.
Textquellen:MDR: Informationen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026, abgerufen am 13. August 2026, MDR: Der Faktencheck zur Wahlarena – geprüfte Politiker-Aussagen, veröffentlicht und aktualisiert am 12. August 2026, Der Spiegel: „Echte Bürger stellen echte Fragen – und die Politiker weichen aus“, veröffentlicht am 13. August 2026, Augsburger Allgemeine: Umfragen zur Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt, aktualisiert am 13. August 2026, Welt: AfD erreicht 43 Prozent in neuer Umfrage vor der Landtagswahl, zur Pollytix-Erhebung im Auftrag von Campact, veröffentlicht am 13. August 2026 // Bildquelle: MDR, Hagen Wolf
Zusammenfassung
In der MDR-Wahlarena stellten sich die Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt den Fragen der Bürger. Ein begleitender Faktencheck zeigt, welche Aussagen stimmen, wo wichtiger Kontext fehlt und welche Behauptungen nicht haltbar sind.









