Netflix-Doku: »Mein eigenes Kind«: Sie erfand eine Schwangerschaft – dann verschwand ein Baby
+++ Alejandra täuschte monatelang eine Schwangerschaft vor +++ 2009 nahm sie ein Neugeborenes aus einer Klinik in Mexiko-Stadt mit +++ Die Kindsmutter widerspricht Alejandras Darstellung deutlich +++ Sucys Wertung: 3 von 5 Sternen +++
Kann ein unerfüllter Kinderwunsch einen Menschen so weit treiben, dass er eine Schwangerschaft erfindet und schließlich das Baby einer anderen Frau aus einem Krankenhaus mitnimmt?
Die neue Netflix-Dokumentation „A Child of My Own“ (auf deutsch: „Mein eigenes Kind“) erzählt einen wahren Fall, der sich 2009 in Mexiko-Stadt ereignete. Dabei wählt Regisseurin Maite Alberdi eine ungewöhnliche Form: Zunächst wirkt der Film wie ein Spielfilm. Erst später wechselt er zur klassischen Dokumentation mit Interviews, Archivmaterial und Aussagen aus dem Gerichtsverfahren.
Diese Aufmachung hebt „A Child of My Own“ deutlich von den üblichen True-Crime-Dokumentationen bei Netflix ab. Inhaltlich bleiben allerdings erhebliche Zweifel an der Geschichte, die Alejandra selbst über die Tat erzählt.
Worum geht es in „A Child of My Own“?
Eleonor Alejandra Marín Mendoza, im Film meist nur Ale genannt, heiratet jung und wünscht sich gemeinsam mit ihrem Mann Arturo ein Kind. Nach mehreren Fehlgeburten wird sie erneut schwanger – verliert jedoch auch dieses Kind.
Dieses Mal erzählt sie ihrem Mann und ihrer Familie nichts von der Fehlgeburt. Stattdessen hält sie die Schwangerschaft über Monate hinweg aufrecht. Sie nimmt zu, zeigt ein falsches Ultraschallbild und lässt ihr Umfeld glauben, dass bald ein Baby zur Welt kommen werde.
Alejandra arbeitet damals als Verwaltungsangestellte im Hospital General de México. Dort nimmt sie am 17. Juni 2009 ein neugeborenes Mädchen mit. Auf Bildern der Überwachungskameras ist zu sehen, wie sie das Krankenhaus mit einer großen Tasche verlässt, in der sich das Baby befindet.
Nur wenige Stunden später findet die Polizei Alejandra, ihren Mann und das Kind in einem Hotel in Mexiko-Stadt. Das Baby wird unverletzt zu seinen Eltern zurückgebracht.

Erst Spielfilm, dann echte Dokumentation
Die spannendste Besonderheit von „A Child of My Own“ ist die formale Aufteilung. Die erste Hälfte besteht überwiegend aus filmisch inszenierten Szenen mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Man beobachtet Alejandra dabei, wie sie immer tiefer in ihr eigenes Lügengebäude gerät.
Erst danach zeigt Regisseurin Maite Alberdi die realen Beteiligten. Interviews, Prozessunterlagen und historische Aufnahmen verändern den Blick auf das, was vorher wie eine ungewöhnliche, beinahe tragikomische Geschichte inszeniert wurde.
Diese bloße Nacheinanderreihung von Spielfilm und Dokumentation ist ungewöhnlich. Sie funktioniert grundsätzlich, wirkt aber zunächst auch etwas irritierend. Erst im zweiten Teil wird deutlich, dass Alejandras Version der Ereignisse keineswegs die einzige ist.
Gerade dieser Bruch macht die Dokumentation interessant. Die zuvor aufgebaute Nähe zur Hauptfigur wird anschließend auf die Probe gestellt.
Hat die Mutter ihr das Baby freiwillig überlassen?
Alejandra behauptet, sie habe die schwangere Mayra bereits vor der Geburt kennengelernt. Die beiden Frauen hätten vereinbart, dass Alejandra das Kind nach der Entbindung übernehmen dürfe.
Mayra widerspricht dieser Darstellung entschieden. Nach ihrer Aussage begegnete sie Alejandra erst am Tag der Geburt. Sie habe die Krankenhausangestellte für eine Sozialarbeiterin gehalten. Als Mayra ihr Zimmer kurz verließ und zurückkehrte, war ihr Baby verschwunden.
Ein schriftlicher Adoptionsvertrag oder ein legales Verfahren existierte nicht. Auch das Gericht akzeptierte Alejandras Geschichte von einer freiwilligen Übergabe nicht.
Ich persönlich glaube Alejandras Darstellung ebenfalls eher nicht. Ihre Version würde nicht erklären, warum das Baby heimlich in einer Tasche aus dem Krankenhaus gebracht wurde. Wer tatsächlich von einer vereinbarten Übergabe ausgeht, müsste ein Neugeborenes schließlich nicht auf diese Weise an Kontrollen vorbeischleusen.
Die Dokumentation zeigt Alejandra als Erzählerin, die sich ihre eigene Wirklichkeit geschaffen hat. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass das Publikum diese Wirklichkeit übernehmen muss. Es fehlt allerdings auch die ausführliche Version der bestohlenen Mutter, die nur am Rande zu Wort kommt.
Wie konnte der Kinderwunsch zu einer solchen Tat führen?
„A Child of My Own“ versucht, Alejandras Verhalten mit ihren Fehlgeburten, dem starken Kinderwunsch und dem familiären Druck zu erklären.
Die gezeigte Vorstellung von Familie ist ausgesprochen traditionell: Eine Ehe scheint erst durch ein Kind vollständig zu werden. Von Alejandra wird erwartet, Mutter zu sein. Ihr eigener Wert innerhalb der Familie wirkt eng mit dieser Rolle verbunden.
Solche Rollenbilder sind für Mexiko wissenschaftlich dokumentiert. In der Forschung wird unter anderem vom Ideal der „Madresposa“ gesprochen – einer Frau, die sich als Mutter und Ehefrau vollständig der Familie widmen soll. Dahinter steht das kulturelle Konzept des „Marianismo“, das Selbstaufopferung, Fürsorge und Mutterschaft als zentrale weibliche Tugenden idealisiert.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass alle mexikanischen Familien so leben oder denken. Auch in Mexiko verändern sich Familienbilder und immer mehr Frauen entscheiden sich bewusst gegen Kinder. Die Dokumentation zeigt jedoch ein Milieu, in dem traditionelle Erwartungen einen erheblichen Druck auf Alejandra ausüben.
Diesen Druck kann ich nachvollziehen. Dass daraus die Entführung des Babys einer anderen Frau entsteht, kann ich trotzdem nicht richtig verstehen. Eine Erklärung ist schließlich keine Entschuldigung.
Warum erhielt Alejandra eine so lange Haftstrafe?
Das Baby befand sich nur wenige Stunden in Alejandras Gewalt und wurde unverletzt gefunden. Gemessen daran wirken mehr als 13 Jahre Haft zunächst erstaunlich hart.
Juristisch war jedoch nicht nur die Dauer der Entführung entscheidend. Alejandra hatte ein besonders schutzbedürftiges Neugeborenes ohne Zustimmung der Eltern aus einem Krankenhaus gebracht. Die Tat war vorbereitet worden und wurde als Freiheitsberaubung beziehungsweise Entführung eines Minderjährigen behandelt.
Dass kein Lösegeld verlangt und das Kind nicht körperlich verletzt wurde, änderte nichts daran, dass die Eltern nicht wussten, wo sich ihr Baby befand. Auch die von Alejandra behauptete private Vereinbarung mit der Mutter konnte vor Gericht nicht belegt werden.
Alejandra verbrachte mehr als 13 Jahre im Gefängnis. Ihr Mann Arturo wurde zunächst ebenfalls festgenommen und blieb rund zweieinhalb Jahre in Haft. Später wurde er freigesprochen.
Warum blieb Arturo bei Alejandra?
Arturo bleibt in der Dokumentation eine auffallend blasse Figur. Obwohl er durch Alejandras Lügen selbst ins Gefängnis geriet, spricht er weiterhin mit ihr und hat ihr offenbar verziehen.
Nach seiner Entlassung führte Arturo zeitweise eine Beziehung mit einer anderen Frau und bekam mit ihr einen Sohn. Später fanden Alejandra und Arturo wieder zusammen. Heute beteiligt sich Alejandra an der Erziehung dieses Kindes.
Warum Arturo nach allem weiterhin zu ihr hält, erklärt die Dokumentation für mich nicht ausreichend. Gerade seine Perspektive hätte deutlich mehr Raum verdient. Immerhin verlor auch er durch Alejandras Tat mehrere Jahre seines Lebens.
Er bleibt jedoch eher eine Nebenfigur in einer Geschichte, deren Zentrum fast vollständig Alejandra gehört.
Ist „A Child of My Own“ eine gute True-Crime-Doku?
Die ungewöhnliche Mischung aus gespieltem Film und echter Dokumentation macht „A Child of My Own“ sehenswert. Regisseurin Maite Alberdi interessiert sich nicht nur für die Tat, sondern auch für die Lüge, die ihr vorausging – und für eine Gesellschaft, in der Mutterschaft zum vermeintlichen Lebenszweck einer Frau erklärt werden kann.
Problematisch ist für mich die Länge. Der Film dauert rund 96 Minuten, obwohl der eigentliche Fall relativ schnell erzählt ist. Vor allem im zweiten Teil wird die Dokumentation zunehmend langatmig.
Hier hätte eine kürzere Laufzeit gutgetan. Alternativ hätte Netflix einen zweiten, thematisch ähnlichen Fall einbeziehen können. Zwei Geschichten über Frauen, die unter dem Druck eines unerfüllten Kinderwunsches eine Grenze überschreiten, hätten in derselben Zeit möglicherweise eine noch stärkere Dokumentation ergeben.
So bleibt ein interessanter Fall mit einer außergewöhnlichen filmischen Aufmachung, der seine Erzählzeit nicht vollständig ausfüllt.
Faktenbox: „A Child of My Own“
Deutscher und internationaler Titel: A Child of My Own
Originaltitel: Un hijo propio
Genre: True Crime, Dokumentation
Streaminganbieter: Netflix
Veröffentlichung: 13. August 2026
Laufzeit: rund 96 Minuten
Regie: Maite Alberdi
Schauplatz des Falls: Mexiko-Stadt
Tatjahr: 2009
Zentrale Person: Eleonor Alejandra Marín Mendoza
Tat: Mitnahme eines Neugeborenen aus dem Hospital General de México
Dauer bis zur Rettung: wenige Stunden
Zustand des Kindes: unverletzt zu den Eltern zurückgebracht
Haftzeit Alejandras: mehr als 13 Jahre
Haftzeit ihres später freigesprochenen Mannes: rund zweieinhalb Jahre
Besonderheit: Kombination aus inszeniertem Spielfilm und dokumentarischen Interviews
⭐️ Sucys Fazit
„A Child of My Own“ sieht anders aus als die üblichen Netflix-True-Crime-Dokumentationen. Zunächst erzählt der Film Alejandras Geschichte mit Schauspielern, danach zerlegt der dokumentarische Teil zunehmend ihre Version der Ereignisse. Diese Idee gefällt mir.
Alejandra selbst glaube ich allerdings eher nicht. Ihre Behauptung, die Mutter habe ihr das Baby freiwillig überlassen wollen, passt für mich nicht dazu, dass sie das Kind heimlich in einer Tasche aus dem Krankenhaus brachte.
Dass ein unerfüllter Kinderwunsch und traditionelle Familienbilder enormen psychischen Druck erzeugen können, ist nachvollziehbar. Wie daraus die Entscheidung entstehen konnte, einer anderen Frau ihr neugeborenes Kind wegzunehmen, bleibt für mich trotzdem schwer begreiflich.
Die Dokumentation ist interessant, aber etwas zu langatmig. Der Stoff hätte entweder kürzer erzählt oder mit einem zweiten Fall verbunden werden können. Für die ungewöhnliche Aufmachung und den spannenden Perspektivwechsel gibt es dennoch drei Sterne.
⭐️⭐️⭐️ Sucys Wertung: 3 von 5 Sternen
Textquellen: Die Angaben zum Film stammen von Netflix Tudum und aus dem aktuellen Bericht von Reuters. Der Ablauf der Tat wurde mit zeitgenössischen Berichten von El Universal und El Economista abgeglichen. Die Einordnung traditioneller Mutterrollen in Mexiko stützt sich auf wissenschaftliche Untersuchungen zur sozialen Konstruktion von Mutterschaft und zur sogenannten Madresposa-Ideologie. Angaben zum weiteren Leben Alejandras und ihres Mannes wurden zusätzlich mit People abgeglichen // Bildquelle: Netflix
Zusammenfassung
Erst erfand Alejandra eine Schwangerschaft, dann verschwand ein Neugeborenes aus einer Klinik. Die wahre Geschichte hinter der neuen Netflix-Doku.









