Die wahre Geschichte hinter „»Der Fall Chompoo«: Warum Onkel Phon verurteilt wurde
+++ Die dreijährige Chompoo verschwand 2020 aus einem thailändischen Dorf und wurde drei Tage später tot gefunden +++ Ihr angeheirateter Onkel Phon geriet unter Verdacht und wurde gleichzeitig von Medien und Fans zum Star gemacht +++
Der Fall der dreijährigen Orawan „Chompoo“ Wongsricha erschütterte im Jahr 2020 ganz Thailand. Doch während die Ermittlungen noch liefen, geschah etwas kaum Vorstellbares: Ausgerechnet der Mann, der zunehmend in den Mittelpunkt des Verdachts rückte, wurde zum gefeierten Medienstar.
„Der Fall Chompoo: Vermisst und vergessen“ zeichnet den Fall mit zahlreichen authentischen Fernsehbildern, Interviews und Aufnahmen aus sozialen Netzwerken nach. Die Netflix-Dokumentation zeigt eindrucksvoll, wie aus einer kriminalistischen Suche eine Art öffentliches Reality-TV wurde. Weniger überzeugend erklärt sie, weshalb Onkel Phon schließlich verurteilt wurde.
Worum geht es in „Der Fall Chompoo“?
Am 11. Mai 2020 verschwand die dreijährige Chompoo aus ihrem Zuhause im Dorf Ban Kokkok in der nordostthailändischen Provinz Mukdahan. Drei Tage später wurde ihr unbekleideter Körper im rund anderthalb Kilometer entfernten Nationalpark Phu Pha Yon gefunden.
Nach den späteren Feststellungen des Gerichts war es höchst unwahrscheinlich, dass ein dreijähriges Kind diese Strecke allein zurückgelegt und anschließend den steilen Berg hinaufgestiegen sein konnte. Ermittler gingen deshalb davon aus, dass Chompoo von einer ihr vertrauten Person mitgenommen worden sein musste.
Unter Verdacht geriet schließlich Chaiphol Wipha, der angeheiratete Onkel des Kindes. In der deutschen Netflix-Fassung wird er als „Onkel Phon“ bezeichnet. In englischsprachigen und thailändischen Berichten finden sich außerdem die Schreibweisen „Phol“ und „Pol“. Auch sein vollständiger Name wird aufgrund unterschiedlicher Umschriften teilweise als Chaiphol, Chaiphon oder Chaiyapol wiedergegeben.
Fakten zur Netflix-Dokumentation
Deutscher Titel: Der Fall Chompoo: Vermisst und vergessen
Originaltitel: Chompoo: Lost and Forgotten
Genre: True Crime, Dokumentation
Regie: Nontawat Numbenchapol
Produktionsländer: Thailand und Singapur
Laufzeit: etwa 85 Minuten
Netflix-Start: 20. August 2026
Sucys Bewertung: 3 von 5 Sternen
Warum wurde Onkel Phon verurteilt?
Genau diese Frage beantwortet die Dokumentation aus meiner Sicht nicht deutlich genug. Wer ausschließlich den Film sieht, könnte zwischenzeitlich sogar den Eindruck gewinnen, Phon sei weiterhin frei oder möglicherweise zu Unrecht verurteilt worden. Er erhält viel Raum, redet ausführlich und beteuert immer wieder seine Unschuld. Wie und unter welchen Bedingungen das Interview entstanden ist, wird jedoch nicht ausreichend transparent gemacht.
Tatsächlich wurde Phon bereits im Dezember 2023 vom Provinzgericht Mukdahan zu 20 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Chompoo mitgenommen und ihren Tod verursacht hatte. Vom Vorwurf einer vorsätzlichen Tötung und der Manipulation des Fundortes wurde er damals noch freigesprochen.

Das Berufungsgericht bewertete den Fall später strenger. Am 13. August 2025 verurteilte es ihn wegen vorsätzlicher Tötung, der Entführung eines minderjährigen Kindes und der Manipulation des Leichnams beziehungsweise des Fundortes zu insgesamt 26 Jahren Gefängnis. Seine Frau, Chompoos Tante, wurde freigesprochen. Nach dem Berufungsurteil kam Phon in Haft. Das Interview in der Dokumentation bedeutet also nicht, dass er sich gegenwärtig auf freiem Fuß befindet.
Welche Indizien überzeugten das Gericht?
Ein unmittelbarer Tatzeuge oder ein einzelner, zweifelsfreier forensischer Beweis wird in den öffentlich zugänglichen Berichten nicht genannt. Die Verurteilung beruhte vielmehr auf einer Reihe von Indizien und Widersprüchen.
Nach der Urteilsberichterstattung gehörten dazu unter anderem:
- Phon konnte für den entscheidenden Zeitraum kein überzeugendes Alibi vorlegen.
- Er soll bereits von Chompoos Verschwinden gewusst haben, bevor er wieder am Haus der Familie angekommen war.
- Als Erklärung gab er an, seine Frau habe ihn angerufen. Laut Gericht besaß er damals jedoch kein eigenes Mobiltelefon. Das von beiden Familien verwendete Telefon habe sich zu diesem Zeitpunkt im Haus befunden.
- Er soll bereits gegen 10 Uhr einem Mönch erzählt haben, dass seine Nichte verschwunden sei, obwohl er sich zu dieser Zeit außerhalb des Hauses befand.
- Nach Auffassung des Gerichts versuchte Phon, einen Zeugen zu einer falschen Aussage über seinen Aufenthaltsort zu bewegen.
- In seinem Pick-up gefundene Haare wurden laut der Berichterstattung Chompoos DNA zugeordnet.
Das erklärt wesentlich besser als der Film, weshalb die Justiz zu einem Schuldspruch gelangte. Zugleich bleibt nachvollziehbar, weshalb der Fall kontrovers diskutiert wurde: Die Ermittlungen dauerten fast zwei Jahre, es fehlte an starken unmittelbaren Beweisen und sogar die beiden Gerichtsinstanzen bewerteten die Todesumstände unterschiedlich.
Das erste Gericht ging noch von einer nicht vorsätzlichen Verursachung des Todes aus. Erst das Berufungsgericht erkannte auf vorsätzliche Tötung. Von einem bewiesenen konkreten Tatmotiv ist in den verfügbaren Urteilsberichten dagegen nicht die Rede.
Welches Motiv soll Phon gehabt haben?
Auch nach der Dokumentation bleibt unklar, weshalb Phon Chompoo mitgenommen und getötet haben soll. Der Film liefert darauf keine überzeugende Antwort.
Das ist eine bedeutsame offene Frage, aber kein Beweis für ein Fehlurteil. Für eine strafrechtliche Verurteilung muss nicht in jedem Fall ein konkretes Motiv festgestellt werden, sofern das Gericht die Tat aufgrund anderer Beweise und Indizien als erwiesen ansieht.
Gerade weil die Beweislage kompliziert war, hätte die Dokumentation die Argumentation beider Gerichtsinstanzen ausführlicher erklären müssen. Stattdessen bekommt Phon erneut sehr viel Raum für seine eigene Darstellung. Dadurch entsteht zeitweise genau jener Effekt, den der Film eigentlich kritisieren möchte: Der mutmaßliche Täter beziehungsweise Verurteilte verdrängt das Opfer aus dem Mittelpunkt.
Wie wurde ein Verdächtiger zum Medienstar?
Der Fall entwickelte sich in Thailand zu einem nationalen Medienereignis. Fernsehsender berichteten nahezu täglich aus Ban Kokkok. YouTuber reisten in das Dorf, übernachteten dort und suchten auf eigene Faust nach Hinweisen. Neue Kanäle entstanden, die das Leben der Beteiligten teilweise in Echtzeit übertrugen.
Onkel Phon wurde als ruhiger, trauernder und missverstandener Mann inszeniert. Unter dem Hashtag #SaveUnclePol sammelten sich Unterstützer. Er erhielt Geld und Sachspenden, konnte sein zuvor unfertiges Haus ausbauen und eröffnete einen eigenen YouTube-Kanal. Schließlich trat er in einem Musikvideo auf und bekam Angebote als Sänger, Model und Schauspieler.
Zeitweise soll der Fall sogar mehr Zuschauer interessiert haben als thailändische Fernsehserien. Aus einer kriminalistischen Berichterstattung war ein kommerzielles Unterhaltungsformat geworden.
Einige beteiligte Journalisten distanzierten sich später von der Berichterstattung. Zwei Medienmitarbeiter sollen aus Schuldgefühlen gekündigt haben, weil sie dabei geholfen hatten, einen Verdächtigen zum Prominenten aufzubauen. Nach der ersten Verurteilung kritisierten zahlreiche Nutzer, die Medien hätten Phon wie eine Unterhaltungsfigur und nicht wie den Beschuldigten in einem Fall um ein getötetes Kind behandelt.
Ist dieser Personenkult typisch für Thailand?
Den Vorgang einfach mit besonderen kulturellen Eigenschaften Thailands zu erklären, wäre zu kurz gegriffen. Auch in anderen Ländern werden Verdächtige durch True Crime, Talkshows und soziale Netzwerke zu öffentlichen Figuren. Charisma, emotionale Selbstdarstellung und die ständige Wiederholung von Bildern können dazu führen, dass ein Publikum eine vermeintlich persönliche Beziehung zu einem Menschen entwickelt, den es ausschließlich aus den Medien kennt.
Im Fall Chompoo kamen jedoch einige konkrete Bedingungen der thailändischen Medienlandschaft zusammen. Kriminalfälle haben in der thailändischen Boulevardpresse traditionell einen hohen Stellenwert. Medienwissenschaftliche Untersuchungen beschreiben eine lange Geschichte stark emotionalisierter und teilweise sensationsorientierter Kriminalberichterstattung.
Hinzu kamen der intensive Wettbewerb zwischen Fernsehsendern und Onlineformaten, die Reichweite von YouTube und Facebook sowie die Möglichkeit, mit ständig neuen Livebildern Geld zu verdienen. Ban Kokkok wurde dadurch regelrecht zur Kulisse einer fortlaufenden Realityshow.
Auch religiöse Rituale, Wahrsager und traditionelle Heiler spielten in der öffentlichen Inszenierung des Falls eine Rolle. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Personenkult aus dem Buddhismus oder einer angeblich grundsätzlich irrationalen thailändischen Gesellschaft entstanden wäre. Entscheidender waren Medienmechanismen, die es in ähnlicher Form weltweit gibt: Emotionalisierung, Lagerbildung, parasoziale Nähe und die kommerzielle Verwertung eines ungelösten Verbrechens.
Genau diese Zusammenhänge hätte die Dokumentation noch genauer untersuchen können.
Chompoo wurde ein zweites Mal vergessen
Die Stärke des Films liegt darin, Chompoo wieder mehr Raum zu geben. Ihr Vater kommt ausführlich zu Wort, und das Kind bleibt zumindest in der Dokumentation mehr als eine bloße Randfigur.
Während des realen Medienrummels war das offenbar anders. Dort konzentrierte sich die öffentliche Aufmerksamkeit zunehmend auf Phon: auf sein Haus, seine Auftritte, seine Aussagen, seine Unterstützer und seine vermeintliche Karriere.
Der Titel „Vermisst und vergessen“ bekommt dadurch eine zweite Bedeutung. Zunächst wurde ein Kind vermisst. Danach geriet dieses Kind in einer Geschichte über Medien, Verdächtige und öffentliche Lager beinahe in Vergessenheit.
Sucys Fazit zu „Der Fall Chompoo“
„Der Fall Chompoo: Vermisst und vergessen“ ist eine gründlich recherchierte und aufgrund des umfangreichen Archivmaterials sehr authentisch wirkende Dokumentation. Weil der Fall über Jahre medial begleitet wurde, stehen zahlreiche Originalaufnahmen zur Verfügung. Offensichtliche Nachstellungen bleiben im Vergleich zu vielen anderen True-Crime-Produktionen zurückhaltend.
Besonders wichtig ist die Kritik an den Medien, die aus einem Tatverdächtigen einen gefeierten Star machten. Auch Chompoo selbst erhält im Film den Platz, der ihr während des damaligen Spektakels offenbar viel zu selten zugestanden wurde.
Trotzdem gehört die Dokumentation für mich zu den schwächeren Netflix-True-Crime-Produktionen. Das ausführliche Interview mit dem später Verurteilten ist irritierend, weil seine aktuelle rechtliche Situation nicht deutlich genug eingeordnet wird. Phon redet und redet – doch welche Indizien vor Gericht zu seiner Verurteilung führten, bleibt im Film zu undeutlich. Ebenso wenig wird ein mögliches Motiv erklärt.
Dadurch kann zeitweise der Eindruck entstehen, es habe sich um ein Fehlurteil gehandelt. Die widersprüchlichen Bewertungen der Gerichte und die überwiegend aus Indizien bestehende Beweislage hätten deshalb wesentlich ausführlicher dargestellt werden müssen.
Sehenswert ist die Dokumentation dennoch – vor allem als Warnung davor, was passiert, wenn Kriminalberichterstattung zur Unterhaltung wird und derjenige, um den es eigentlich gehen sollte, im Medienrummel verschwindet.
⭐️⭐️⭐️ 3 von 5 Sternen
Häufige Fragen zum Fall Chompoo
Wer ist Onkel Phon?
Chaiphol Wipha ist der angeheiratete Onkel der dreijährigen Chompoo. In verschiedenen Quellen wird sein Spitzname auch als Phol oder Pol geschrieben.
Ist Onkel Phon noch frei?
Nein. Das Berufungsgericht verurteilte ihn am 13. August 2025 zu 26 Jahren Haft. Nach dem Urteil wurde er inhaftiert. Dass er in der Netflix-Dokumentation ausführlich interviewt wird, darf nicht mit seinem aktuellen rechtlichen Status verwechselt werden.
Warum wurde Onkel Phon verurteilt?
Das Gericht stützte sich auf eine Indizienkette. Dazu gehörten fehlende beziehungsweise widersprüchliche Angaben zu seinem Alibi, sein ungewöhnlich frühes Wissen über Chompoos Verschwinden, der mutmaßliche Versuch einer Beeinflussung eines Zeugen und Haare des Kindes in seinem Fahrzeug.
Welches Motiv hatte Onkel Phon?
Ein konkretes Tatmotiv wird weder in der Dokumentation noch in den zugänglichen Berichten über die Urteile überzeugend benannt. Die Gerichte hielten die übrigen Indizien dennoch für ausreichend.
Wurde Chompoos Tante ebenfalls verurteilt?
Nein. Phons Frau Somporn Larbpho, die Tante des Kindes, wurde von den gegen sie erhobenen Vorwürfen freigesprochen.
Ist „Der Fall Chompoo“ eine Serie?
Nein. Es handelt sich um einen rund 85 Minuten langen Dokumentarfilm.
Textquellen: Netflix: Der Fall Chompoo – Vermisst und vergessen, The Nation: Berufungsgericht erhöht Phons Strafe auf 26 Jahre, The Nation: Urteil von 2023 und die vom Gericht gewürdigten Indizien, Thai PBS: Zusammenfassung des Berufungsurteils, Cambridge University Press: Untersuchung zur Kriminalberichterstattung in Thailand, Thai Media Fund: Reaktionen auf Medienethik und Personenkult im Fall Phon // Bildquelle: Netflix
Zusammenfassung
Die Netflix-Dokumentation „Der Fall Chompoo“ rekonstruiert den Tod eines dreijährigen Mädchens und den bizarren Medienkult um ihren angeheirateten Onkel Phon. Trotz vieler authentischer Aufnahmen bleibt zu undeutlich, welche Indizien zu seiner Verurteilung führten und warum er die Tat begangen haben soll. Eine gründliche, aber nicht vollständig überzeugende True-Crime-Doku: 3 von 5 Sternen.









