Alexander Held, Bernadette Heerwagen und Marcus Mittermeier in „München Mord: Die Stadt, die es nicht gibt“

»München Mord: Die Stadt, die es nicht gibt« – Fünf Sterne für ein einmaliges Krimitrio

9 Min. Lesezeit

Absurde Dialoge, ein Ausflug in die Achtzigerjahre und eine Spur, die bis zu Freddie Mercury führt: „München Mord: Die Stadt, die es nicht gibt“ zeigt erneut, warum diese Krimireihe im deutschen Fernsehen etwas Besonderes ist.

Der eigentliche Mordfall ist diesmal weniger dramatisch verdichtet als in der vorherigen Folge. Dafür bekommt das Publikum genau jene Mischung, die „München Mord“ so unverwechselbar macht: skurrile Gedanken, komische Situationen, ausgezeichnete Darsteller und drei Ermittler, deren Rollenverteilung über viele Jahre hinweg nahezu perfekt austariert wurde.

Die Freude über die gelungene Folge wird allerdings von einem Gedanken überschattet: Alexander Held ist hier zum vorletzten Mal als Ludwig Schaller zu sehen. Wie die Reihe ohne ihn funktionieren soll, kann man sich nach diesem Film kaum vorstellen.

Worum geht es in „Die Stadt, die es nicht gibt“?

Rechtsmediziner Dr. Enrico Laicher feiert seinen 50. Geburtstag stilecht mit Mettigel und Kir Royal. Gleichzeitig findet an einem anderen Ort eine ausgelassene Achtzigerjahre-Mottoparty statt.

Am nächsten Morgen liegt die Gastgeberin Nora Plötz tot zwischen den weitgehend bewusstlosen Gästen. Die Partybowle wurde mit K.-o.-Tropfen versetzt. Nora starb jedoch nicht daran: Ihr wurde Kaliumchlorid injiziert.

Damit haben Ludwig Schaller, Angelika Flierl und Harald Neuhauser nicht nur eine betäubte Partygesellschaft, sondern auch eine ganze Reihe möglicher Verdächtiger vor sich.

Nora konnte Menschen schnell für sich begeistern, verlor jedoch ebenso schnell wieder das Interesse an ihnen. Zurück blieben enttäuschte Freunde, Geschäftspartner und ehemalige Liebhaber. Weil sich kaum jemand an die Tatnacht erinnern kann, müssen sich die Ermittler durch ein entsprechend chaotisches Beziehungsgeflecht arbeiten.

Eine Spur führt schließlich zu verschwundenen Orten im München der Achtzigerjahre – und zu einem Gerücht über Freddie Mercury.

Herr Laicher heißt tatsächlich Laicher

Eine kleine Namensidee steht beispielhaft für den Humor der gesamten Reihe: Der Gerichtsmediziner heißt Dr. Enrico Laicher.

Natürlich klingt das verdächtig nach „Leiche“. Der Witz wird aber nicht mit dem Holzhammer erklärt. Der Name steht einfach im Raum und darf seine Wirkung nebenbei entfalten.

Genau das beherrscht „München Mord“ besonders gut. Die Dialoge sind häufig absurd und komisch, ohne dass die Figuren zu Witzfiguren gemacht werden. Man lacht nicht über eine beliebige Ansammlung schrulliger Ermittler. Man lacht, weil diese Menschen innerhalb ihrer eigenen Logik vollkommen ernsthaft handeln.

Auch Laichers Geburtstag entwickelt sich deshalb nicht zu einer lauten Comedy-Einlage. Mettigel, Kir Royal und Achtzigerjahre-Nostalgie fließen ganz selbstverständlich in den Mordfall ein.

Drei Ermittler in perfekter Balance

Das eigentliche Herz von „München Mord“ ist seit Beginn der Reihe das Zusammenspiel von Ludwig Schaller, Angelika Flierl und Harald Neuhauser.

Schaller vertraut auf seine Intuition und formuliert Gedanken, die zunächst vollkommen abwegig klingen. Flierl bringt Empathie und Beharrlichkeit ein. Neuhauser reagiert häufig direkter, impulsiver und deutlich weniger geduldig.

Keine dieser drei Figuren könnte die Reihe allein tragen. Zusammen bilden sie jedoch ein ungewöhnlich präzises Gleichgewicht.

Bernadette Heerwagen, Marcus Mittermeier und Alexander Held spielen diese Rollen so selbstverständlich, dass selbst kleine Blicke und Pausen Teil der Erzählung werden. Die Spannung zwischen den Figuren muss nicht ständig neu behauptet werden. Sie ist in jeder gemeinsamen Szene vorhanden.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Dialoge komisch sein dürfen, ohne den Mordfall oder die beteiligten Menschen ins Lächerliche zu ziehen. Andere Krimireihen trennen Humor und Ermittlungsarbeit häufig deutlich voneinander. Bei „München Mord“ entsteht das Komische unmittelbar aus der Art, wie diese drei Menschen denken, miteinander umgehen und ihre Umgebung betrachten.

Das München der Achtziger schwappt ins Ermittlerteam
Ludwig Schaller (Alexander Held, l.) und Harald Neuhauser (Marcus Mittermeier, r.) schauen blöd aus der Wäsche, als ihnen eine neue Kollegin zu ihrem Fall ungebeten Anweisung gibt. Erst als sie zur Tür heraus ist, stellen sie fest, dass diese Frau Hösel ihre neue kommissarische Chefin ist.

Das München der Achtziger schwappt ins Ermittlerteam

Der Blick zurück in die Achtzigerjahre gehört zu den größten Stärken dieser Folge.

Er bleibt nicht auf Kostüme, Musik und ein paar dekorative Erinnerungsstücke beschränkt. Die Vergangenheit greift nach und nach auf das Ermittlerteam über. Harald Neuhauser begegnet seiner ehemaligen Freundin Carola und lässt sogar alte Kleidung und alte Verhaltensmuster wiederaufleben.

Schaller bewegt sich ohnehin durch Zeiten und Gedanken, als wären deren Grenzen nicht besonders verbindlich. Als ihm Freddie Mercury erscheint, wirkt das innerhalb dieser Krimiwelt deshalb weniger absurd, als es in einer konventionellen Reihe der Fall wäre.

Der Titel „Die Stadt, die es nicht gibt“ beschreibt dabei ein München, das teilweise tatsächlich verschwunden ist. Clubs, Bars, Tonstudios und andere Orte aus Mercurys Münchner Jahren existieren heute nicht mehr oder haben sich grundlegend verändert.

Die Folge nutzt diese verlorene Stadt nicht nur als nostalgische Kulisse. Sie erzählt auch davon, wie Menschen ihre Erinnerungen bewahren, verändern und mit eigenen Wunschvorstellungen vermischen.

Die weniger schillernden Seiten Münchens

Auch visuell gehört die Folge zu den stärkeren Produktionen der Reihe.

„München Mord“ zeigt nicht ausschließlich die bekannten Postkartenmotive der bayerischen Landeshauptstadt. Stattdessen sieht man immer wieder eigentümliche Straßen, Gebäude, Hinterhöfe und Innenräume, die der Geschichte einen eigenen Charakter geben.

Dafür braucht es ein gutes Gespür bei der Motivsuche. Die Schauplätze wirken nicht wie ein beliebig austauschbares Krimiset, sondern wie Orte, an denen diese speziellen Figuren tatsächlich existieren könnten.

Hinzu kommt die hervorragende Kameraarbeit von Nathalie Wiedemann. Sie inszeniert München atmosphärisch, ohne die Stadt permanent ausstellen zu müssen. Gerade die weniger schillernden Ecken passen ausgezeichnet zu den Kellerermittlern, die innerhalb des Polizeiapparats selbst nie ganz zur repräsentativen Vorderseite gehören.

Regie führte Eva Spreitzhofer. Das Drehbuch stammt von Matthias Kiefersauer und Alexander Liegl.

Ist die Geschichte über Freddie Mercurys Kind wahr?

Die Verbindung zwischen Freddie Mercury und München beruht auf Tatsachen. Der Sänger hielt sich von 1979 bis 1985 regelmäßig in der Stadt auf, lebte zeitweise dort, nahm Musik auf und bewegte sich ausgiebig durch das Münchner Nachtleben.

Zu seinen bekannten Aufenthaltsorten gehörten die Musicland Studios im Keller des Arabella-Hochhauses sowie zahlreiche Bars und Clubs. Auch das Video zu „Living on My Own“ ist eng mit seiner legendären Geburtstagsfeier im Münchner Nachtleben verbunden.

Nicht belegt ist dagegen die konkrete Geschichte des Films, Mercury habe während seiner Münchner Jahre ein Kind gezeugt. Der Krimi bezeichnet diese Behauptung selbst ausdrücklich als Gerücht und nutzt sie als Ausgangspunkt für eine fiktive Mordgeschichte.

Allerdings bekam die grundsätzliche Frage nach einem möglichen Kind Freddie Mercurys 2025 neue Aufmerksamkeit. Eine Biografie behauptete, der Sänger habe eine geheime Tochter gehabt. Diese soll jedoch bereits 1976 und damit vor seiner Münchner Zeit gezeugt worden sein. Die Behauptung wurde nicht unabhängig bewiesen und von Personen aus Mercurys Umfeld angezweifelt.

Kurz gesagt: Freddie Mercurys Münchner Jahre sind real. Das im Film verwendete Münchner Kind ist nicht als historische Tatsache belegt.

Gerade diese Verbindung aus tatsächlicher Stadtgeschichte und erfundener Krimihandlung funktioniert dennoch ausgezeichnet. Der Fall wirkt dadurch verspielt, aber nicht vollkommen aus der Luft gegriffen.

Die neue Chefin muss sich erst noch finden

„Die Stadt, die es nicht gibt“ ist zugleich der erste Film ohne Kriminaloberrat Helmut Zangel. Christoph Süß verließ die Reihe nach zwölf Jahren aus persönlichen Gründen.

Seine Nachfolgerin ist Dr. Linda Hösl, gespielt von der Kabarettistin Eva Karl Faltermeier. Sie begegnet dem Kellertrio zunächst mit einer ähnlichen Skepsis wie ihr Vorgänger. Am Ende muss sie jedoch anerkennen, dass Schaller, Flierl und Neuhauser den Fall auf ihre ganz eigene Weise gelöst haben.

Mein erster Eindruck bleibt trotzdem zurückhaltend. Die neue Chefin fügt sich noch nicht so selbstverständlich in das Gefüge ein wie die etablierten Figuren. Einige ihrer Szenen wirken stärker gesetzt als gewachsen.

Das muss kein endgültiges Urteil sein. Neue Figuren benötigen Zeit, besonders in einer Reihe, deren Beziehungen über viele Jahre entstanden sind. Hösl darf sich deshalb gerne noch entwickeln.

Schwieriger wiegt ohnehin eine ganz andere Veränderung.

Wie soll „München Mord“ ohne Ludwig Schaller weitergehen?

Alexander Held starb im Mai 2026 im Alter von 67 Jahren. „Die Stadt, die es nicht gibt“ ist der vorletzte bereits abgedrehte Film, in dem er als Ludwig Schaller zu sehen ist.

Eine weitere Folge mit dem Titel „Das Recht auf Glück“ wurde noch mit ihm fertiggestellt. Danach soll die Reihe fortgesetzt werden.

Grundsätzlich ist es möglich, Krimiformate nach dem Ausscheiden einer Hauptfigur weiterzuführen. Bei „München Mord“ liegt die Sache jedoch komplizierter. Schaller ist nicht einfach einer von drei Ermittlern. Seine eigenwillige Wahrnehmung prägt die gesamte Tonlage der Reihe.

Ohne seine überraschenden Gedankensprünge, seine trockenen Sätze und Alexander Helds unverwechselbare Darstellung verändert sich zwangsläufig auch das Zusammenspiel von Flierl und Neuhauser.

Eine direkte Kopie der Figur wäre die schlechteste Lösung. Ein neuer exzentrischer Ermittler würde unweigerlich mit Schaller verglichen und könnte dabei nur verlieren. Die Reihe muss nach seinem letzten Auftritt eine neue Balance finden. Ob das gelingt, bleibt offen. Nach „Die Stadt, die es nicht gibt“ fällt es jedenfalls schwer, sich dieses Krimitrio ohne seinen Mittelpunkt vorzustellen.

Jede Folge erzählt anders

Eine weitere Stärke der Reihe liegt in ihrem wechselnden Aufbau.

Manche Filme beginnen unmittelbar beim späteren Verbrechen. Andere führen zunächst das Ermittlerteam ein oder lassen den Fall langsam in dessen Alltag eindringen. Auch Ton und Verdichtung verändern sich.

Die vorherige Folge „Im Zweifel für den Zweifel“ wirkte drastischer und dramatisch dichter. „Die Stadt, die es nicht gibt“ bleibt dagegen lockerer und verspielter. Die Achtzigerjahre, die Erinnerungen und der Freddie-Mercury-Bezug erhalten mehr Raum als ein besonders düsterer Mordfall.

Gerade diese Unterschiede verhindern, dass „München Mord“ wie eine routiniert abgearbeitete Serienproduktion wirkt. Die Figuren bleiben vertraut, während die Geschichten ihre Form verändern dürfen.

Lohnt sich „München Mord: Die Stadt, die es nicht gibt“?

Unbedingt.

Die Folge bietet vielleicht nicht den dramatischsten Fall der Reihe, aber ausgezeichnete Dialoge, einen starken Cast, ungewöhnliche Schauplätze und einen herrlich verspielten Ausflug in das München der Achtzigerjahre.

Die Freddie-Mercury-Spur verbindet reale Stadtgeschichte mit einer bewusst fiktiven Spekulation. Am besten funktioniert jedoch erneut das Zusammenspiel zwischen Schaller, Flierl und Neuhauser.

Wer die Reihe bereits kennt, wird diesen vorletzten gemeinsamen Fall mit besonderer Wehmut sehen. Wer „München Mord“ bislang verpasst hat, bekommt einen sehr guten Eindruck davon, warum dieses Trio so schwer zu ersetzen sein wird.

Der Film ist im ZDF-Streamingangebot verfügbar.

Meine Bewertung

⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ 5 von 5 Sternen

Ein weniger dramatischer, dafür wunderbar verspielter Fall mit absurden Dialogen, starken Bildern und einem Ermittlertrio in Bestform. Alexander Helds bevorstehender Abschied liegt bereits wie ein Schatten über der Folge – und macht noch deutlicher, wie einzigartig Ludwig Schaller war.

Textquellen: ZDF: „München Mord – Die Stadt, die es nicht gibt“, ZDF-Presseportal: Sendetermin und Produktionsinformationen, München Tourismus: Freddie Mercurys Jahre in München, The Guardian: Behauptungen über eine angebliche Tochter Freddie Mercurys, Prisma: Vorletzte gemeinsame Folge des Ermittlertrios // Bildquellen: ZDF, Susanne Bernhard


Zusammenfassung

In „München Mord: Die Stadt, die es nicht gibt“ führt der Tod einer jungen Frau das Kellertrio auf die Spuren Freddie Mercurys und in das verschwundene München der Achtzigerjahre. Der Mordfall ist weniger dramatisch als in der vorherigen Folge, überzeugt aber durch hervorragende Dialoge, ungewöhnliche Schauplätze und das perfekt austarierte Zusammenspiel von Alexander Held, Bernadette Heerwagen und Marcus Mittermeier. Fünf von fünf Sternen für den vorletzten gemeinsamen Fall dieses einmaligen Trios.

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