»Der Trauerschwindler«: Was die True-Crime-Doku über das Urteil gegen Enrico B. nicht zeigt

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Ein Bestatter begegnet Menschen in einem Moment, in dem sie besonders verletzlich sind. Er organisiert Beerdigungen, hört zu, spendet Trost und gewinnt ihr Vertrauen. Genau diese besondere Nähe soll Enrico B. aus dem Raum Rostock ausgenutzt haben.

Die vierteilige True-Crime-Dokumentation »Der Trauerschwindler« erzählt von Frauen, die sich in den Bestatter verliebten, ihm Geld liehen und schließlich erkannten, dass sie offenbar nicht die Einzigen waren. Die Betroffenen begannen, selbst zu recherchieren, vernetzten sich miteinander und kämpften darum, dass sich die Justiz mit dem Fall beschäftigte.

Die Geschichte ist erschütternd und über weite Strecken spannend erzählt. Doch wer alle vier Folgen in der ARD-Mediathek ansieht, bleibt am Ende mit einer entscheidenden Frage zurück: Wurde Enrico B. jemals verurteilt?

Die Antwort lautet: ja. Er legte später ein umfassendes Geständnis ab, wurde rechtskräftig zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt und trat seine Gefängnisstrafe im Mai 2025 an.

Davon erfährt man in der Dokumentation nichts. Zum Glück gibt es uns. Wir liefern den fehlenden Abspann.

Worum geht es in »Der Trauerschwindler«?

Die ARD-Reihe besteht aus vier Folgen:

  1. »Der Betrug«
  2. »Seine Masche«
  3. »Die Jagd«
  4. »Die Wende«

Im Mittelpunkt stehen mehrere Frauen, die Enrico B. in unterschiedlichen Lebenssituationen kennenlernten. Besonders schwer wiegt, dass er mindestens zwei von ihnen im Zusammenhang mit einem Todesfall begegnete.

Eine Frau lernte ihn kennen, nachdem ihr Mann gestorben war. Eine andere musste ihr kleines Kind beerdigen. Enrico B. war nicht irgendein Mann, dem sie zufällig begegneten. Als Bestatter besaß er eine besondere Vertrauensstellung und erlebte die Frauen in einer emotionalen Ausnahmesituation.

Er hörte zu, wirkte einfühlsam und vermittelte Nähe. Aus dem beruflichen Kontakt entwickelte sich eine persönliche oder intime Beziehung. Später bat er um Geld.

Mal ging es um angeblich vorübergehende Schwierigkeiten seines Unternehmens, mal um Rechnungen oder andere finanzielle Engpässe. Die Frauen glaubten seinen Versprechen und liehen ihm teilweise fünf- oder sechsstellige Summen. Zurück erhielten sie davon wenig oder gar nichts.

Die Stärke der Doku sind die betroffenen Frauen

»Der Trauerschwindler« funktioniert vor allem deshalb, weil die Frauen selbst ausführlich zu Wort kommen. Sie erzählen nicht nur von dem verlorenen Geld, sondern auch davon, wie Enrico B. ihr Vertrauen gewann.

Dabei wird deutlich, weshalb der Satz »Wie konnte man nur darauf hereinfallen?« völlig am Kern vorbeigeht. Die Frauen übergaben keinem Unbekannten auf der Straße ihr Vermögen. Sie glaubten einem Menschen, zu dem sie über längere Zeit eine enge Beziehung aufgebaut hatten.

Einige befanden sich zudem in tiefer Trauer. In einer solchen Situation ist ein Bestatter mehr als ein Dienstleister. Er begleitet Angehörige durch Tage, in denen sie Entscheidungen treffen müssen, während ihr gesamtes Leben aus den Fugen geraten ist.

Die Verantwortung liegt deshalb nicht bei den Frauen, die vertrauten und helfen wollten. Sie liegt bei demjenigen, der dieses Vertrauen ausnutzte.

Besonders stark wird die Dokumentation, als die Betroffenen beginnen, miteinander zu sprechen. Was zuvor wie eine einzelne gescheiterte Beziehung oder ein privater Streit wirken konnte, entwickelt plötzlich ein erkennbares Muster.

Die Frauen vergleichen seine Aussagen, seine Versprechen und seine Geldforderungen. Aus voneinander isolierten Erlebnissen entsteht ein gemeinsamer Fall.

Die vierte Folge endet mit einer offenen Frage

Die letzte Folge trägt den Titel »Die Wende«. Die Frauen haben sich zusammengeschlossen und hoffen, Enrico B. endlich vor Gericht bringen zu können. Noch ist jedoch offen, ob die vorhandenen Aussagen und Unterlagen für eine Anklage ausreichen.

Genau an diesem Punkt endet die Geschichte.

Die Reihe wurde nach Angaben der ARD im Jahr 2022 produziert. Auf den Seiten der einzelnen Folgen steht inzwischen ein allgemeiner Hinweis, dass alle Aussagen und Fakten dem damaligen Stand entsprechen und seitdem nicht aktualisiert wurden. Die vierte Folge fragt weiterhin, ob die Staatsanwaltschaft Anklage erheben wird oder ob der Bestatter sein Verhalten fortsetzen kann: ARD-Mediathek: Folge 4 »Die Wende«.

Dass eine ursprünglich 2022 produzierte Dokumentation das spätere Urteil nicht enthalten konnte, ist selbstverständlich. Unverständlich ist jedoch, weshalb die heute erneut angebotene Reihe keinen konkreten Nachtrag erhalten hat.

Eine kurze Texttafel am Ende hätte genügt:

Enrico B. wurde angeklagt, legte später ein Geständnis ab und verbüßt inzwischen eine mehrjährige Haftstrafe.

Stattdessen bleibt das Publikum mit einer längst beantworteten Frage zurück. Der allgemeine Hinweis auf einen veralteten Produktionsstand ersetzt diese Information nicht.

Welches Urteil erhielt der Trauerschwindler Enrico B.?

Nach dem Ende der Dokumentation nahm der Fall eine klare juristische Wendung.

Im Mai 2023 verurteilte das Amtsgericht Rostock Enrico B. zunächst wegen Betrugs zu drei Jahren und zehn Monaten Haft. Das Urteil wurde nicht rechtskräftig, weil Rechtsmittel eingelegt wurden.

Parallel beschäftigten weitere Betrugsvorwürfe die Justiz. Im September 2024 folgte in einem anderen Verfahren eine weitere, ebenfalls zunächst nicht rechtskräftige Verurteilung zu zwei Jahren und acht Monaten.

Im anschließenden Berufungsverfahren vor dem Landgericht Rostock wurden mehrere Verfahren zusammengeführt. Enrico B. legte ein umfassendes Geständnis ab.

Am 9. Dezember 2024 verurteilte ihn das Landgericht Rostock wegen Betrugs zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten. Laut Berichterstattung wurden bei der Gesamtstrafe 19 Betrugsfälle und zwei vorausgegangene Verurteilungen berücksichtigt.

Nachdem zunächst Revision eingelegt worden war, bestätigte das Landgericht am 16. Januar 2025 die Rechtskraft des Urteils: NDR: Urteil im Trauerschwindler-Prozess ist rechtskräftig.

Seit dem 5. Mai 2025 befindet sich Enrico B. im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft bestätigte dem NDR, dass er seine Strafe in einer Justizvollzugsanstalt in der Nähe von Rostock antrat.

Wie hoch war der festgestellte Schaden?

Das Landgericht ging von einem Gesamtschaden in Höhe von rund 260.000 Euro aus. Mehr als die Hälfte davon, etwa 133.000 Euro, entfiel auf eine einzelne Geschädigte. Ihr wurden entsprechende Schadensersatzansprüche zugesprochen.

Die in der Dokumentation und während des Prozesses genannten Beträge unterscheiden sich teilweise. Das liegt daran, dass nicht jede Geldzahlung automatisch Bestandteil derselben Anklage oder Verurteilung war. Die gerichtlich festgestellten 260.000 Euro sind deshalb keine vollständige Schätzung sämtlicher Beträge, die Enrico B. während seines Lebens möglicherweise erhielt. Es handelt sich um den Schaden, der ihm in den abgeurteilten Fällen zugerechnet wurde.

Auch das erklärt, warum die Summe angesichts der langen Geschichte zunächst erstaunlich niedrig erscheinen kann.

„Frauen, die verletzt sind“: Der unerhörteste Satz der Doku

Besonders fassungslos machte mich eine Aussage des damaligen Verteidigers von Enrico B. In der vierten Folge erklärt er in der 23. Minute wörtlich:

Dieser Satz klingt wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Frauen als hysterisch, irrational und von ihren Gefühlen beherrscht abgewertet wurden. Er unterstellt nicht einer bestimmten Zeugin aufgrund konkreter Anhaltspunkte ein mögliches Rachemotiv. Stattdessen wird gleich einem ganzen Geschlecht eine entsprechende Neigung zugeschrieben.

Natürlich gehört es zur Aufgabe eines Strafverteidigers, die Aussagen von Belastungszeuginnen kritisch zu prüfen und mögliche Motive offenzulegen. Doch dafür braucht es konkrete Widersprüche oder Belege.

Die pauschale Behauptung, verletzte Frauen wollten ihren Partnern schaden, ist kein sachliches Argument. Sie bedient ein sexistisches Klischee und verschiebt die Aufmerksamkeit vom Verhalten des Beschuldigten auf die angebliche emotionale Unberechenbarkeit der Frauen.

Selbst die Inhaltsbeschreibung der ARD fasst die Verteidigungslinie ungewöhnlich deutlich zusammen: Der Anwalt des Bestatters „diagnostiziert den Frauen Rachegelüste“.

Im Rückblick wirkt seine Aussage noch befremdlicher. Enrico B. legte später ein umfassendes Geständnis ab, und die Verurteilung wegen Betrugs wurde rechtskräftig. Die Frauen hatten sich die Vorwürfe also keineswegs aus verletzter Eitelkeit ausgedacht.

Dass die Dokumentation diese Aussage ohne eine erkennbare kritische Einordnung stehen lässt, ist für mich eine weitere Schwäche. Gerade bei einer derart pauschalen Abwertung hätte es journalistischen Widerspruch oder zumindest eine anschließende Einordnung gebraucht.

Der Fall zeigt, wie wirksam die Isolation der Betroffenen war

Die Masche konnte auch deshalb lange funktionieren, weil jede Frau zunächst glaubte, sie habe es mit einem persönlichen Problem zu tun.

Eine nicht zurückgezahlte Summe lässt sich als geschäftliche Krise erklären. Eine widersprüchliche Beziehung kann als privates Chaos erscheinen. Ein gebrochenes Versprechen ist noch kein Beweis für eine geplante Täuschung.

Erst als die Frauen voneinander erfuhren, wurde aus einzelnen Zweifeln ein Muster.

Genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis der Reihe: Menschen, die andere manipulieren, profitieren davon, wenn ihre Betroffenen schweigen, sich schämen oder die Schuld bei sich selbst suchen. Der Austausch untereinander kann diese Isolation durchbrechen.

Die Frauen in »Der Trauerschwindler« wollten sich nicht damit abfinden, dass ihre Erlebnisse als enttäuschte Liebe oder private Geldstreitigkeit abgetan wurden. Sie recherchierten, sammelten Informationen und sorgten dafür, dass der Fall nicht verschwand.

Ist »Der Trauerschwindler« sehenswert?

Ja. Die vier Folgen sind spannend, emotional und zeigen eindrücklich, wie Vertrauen aufgebaut und anschließend ausgenutzt werden kann. Besonders sehenswert ist die Reihe wegen der Offenheit der betroffenen Frauen und ihrer gemeinsamen Suche nach Gerechtigkeit.

Als aktuell angebotene True-Crime-Dokumentation ist sie jedoch unvollständig.

Die ARD weist zwar darauf hin, dass die Produktion aus dem Jahr 2022 stammt und nicht aktualisiert wurde. Für Zuschauer genügt das aber nicht. Wer eine wahre Kriminalgeschichte erneut in die Mediathek stellt, sollte einen inzwischen rechtskräftig abgeschlossenen Prozess nicht einfach außerhalb der Erzählung stehen lassen.

Dafür wäre weder eine neue Folge noch eine aufwendige Überarbeitung notwendig gewesen. Eine Texttafel mit Urteil, Rechtskraft und Haftantritt hätte gereicht.

»Der Trauerschwindler« erzählt keine Geschichte über leichtgläubige Frauen. Die Reihe erzählt von Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen, von missbrauchtem Vertrauen und von einem Mann, der später selbst einräumte, andere betrogen zu haben.

Ihre größte Stärke liegt bei den Frauen, die sich nicht länger gegeneinander ausspielen oder zum Schweigen bringen ließen. Sie fanden sich, verglichen ihre Erfahrungen und brachten den Fall gemeinsam voran.

Ihre größte Schwäche ist das fehlende Ende.

Enrico B. wurde rechtskräftig zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Seit Mai 2025 sitzt er im Gefängnis. Dieses Wissen verändert den Blick auf die gesamte Dokumentation – besonders auf die Behauptung seines damaligen Verteidigers, verletzte Frauen neigten dazu, ihren Partnern schaden zu wollen.

Nein. Diese Frauen suchten keine Rache. Sie sorgten dafür, dass ihnen endlich geglaubt wurde.

Textquellen: ARD-Mediathek: Alle vier Folgen von »Der Trauerschwindler«, ARD-Mediathek: Folge 4 »Die Wende«, NDR: Mehrjährige Haftstrafe für den Trauerschwindler, NDR: Urteil im Trauerschwindler-Prozess ist rechtskräftig, NDR: Enrico B. tritt seine Haftstrafe an // Bildquelle: HR/WDR/Fritz Gnad/Frank Bochtle

Zusammenfassung

In vier Folgen zeigt „Der Trauerschwindler“, wie ein Bestatter das Vertrauen mehrerer Frauen gewann und hohe Geldbeträge erhielt. Die ARD-Doku endet vor dem Prozess. Inzwischen wurde Enrico B. rechtskräftig zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Artikel erklärt den Ausgang des Falls und kritisiert eine pauschale Aussage seines damaligen Verteidigers über angeblich rachsüchtige Frauen.

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