In »The Runner« hetzt Gal Gadot durch London
+++ Gal Gadot rennt 84 Minuten durch London, doch die Spannung kommt trotzdem nicht hinterher +++ Ausgerechnet ein Oscarpreisträger verantwortet die hektischen Bilder, die teilweise wie Kindergarten-Action aussehen +++ Die Kritik +++
Gal Gadot, ein entführtes Kind, ein anonymer Erpresser und ein Wettlauf gegen die Zeit: „The Runner“ bringt eigentlich alles mit, was ein spannender Thriller benötigt. Trotzdem kommt der seit dem 2. September 2026 bei Prime Video verfügbare Film kaum vom Fleck. Die Echtzeitidee funktioniert nicht, der Gegenspieler bleibt blass und London darf hauptsächlich als Laufstrecke dienen. Nur das Ende besitzt eine halbwegs clevere Idee.
Worum geht es in „The Runner“?
Maia Marten ist eine erfolgreiche Londoner Anwältin und alleinerziehende Mutter. Nachdem sie ihren diabetischen Sohn Noah zur Schule gebracht hat, beginnt sie ihren morgendlichen Lauf durch London.
Dann klingelt Noahs Telefon.
Am anderen Ende meldet sich jedoch nicht ihr Sohn, sondern ein unbekannter Mann. Er behauptet, Noah entführt zu haben. Der Junge befindet sich in seiner Gewalt, sein Insulinspender wurde manipuliert und sein Leben hängt davon ab, ob Maia die folgenden Anweisungen befolgt.
Sie soll weiterlaufen, mit niemandem sprechen und innerhalb einer Stunde das Excelsus Hotel erreichen. Dort befindet sich Radian Tafa, der wichtigste Zeuge in einem Mordprozess gegen den Londoner Gangsterboss Tommy Boyd.
Maia hat Tafa dazu gebracht, gegen Boyd auszusagen. Nun soll sie ihn mit einer bereitgelegten Pistole erschießen. Weigert sie sich, stirbt Noah.
Das ist eine wirkungsvolle Ausgangslage. Für ungefähr fünf Minuten.

Ein Echtzeitthriller ohne echte Dringlichkeit
„The Runner“ ist weitgehend als Echtzeitthriller angelegt. Maia bleiben ungefähr 60 Minuten, der Film dauert ohne große Ausschweifungen 84 Minuten. Währenddessen läuft, springt und stolpert Gal Gadot durch halb London.
Nur leider erzeugt die tickende Uhr kaum Spannung.
Der Film schickt Maia von einem konstruierten Zwischenfall zum nächsten. Sie wird von einem Auto angefahren, landet in einem Rettungswagen, steigt in die U-Bahn, bekommt ihr Telefon gestohlen, bedroht Menschen mit einer Waffe, flieht vor der Polizei und kapert schließlich noch ein Boot.
Irgendwann fühlt sich das nicht mehr wie eine gefährliche Ausnahmesituation an, sondern wie eine Liste, auf der die Drehbuchautoren möglichst viele Hindernisse abhaken wollten.
Dass der Anrufer zunächst strenge Regeln aufstellt und anschließend fast jeden Verstoß verzeiht, hilft ebenfalls nicht. Maia darf nicht stehen bleiben, nicht mit anderen Menschen sprechen und keinesfalls öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Dann macht sie genau das – und der Mann am Telefon schimpft ein bisschen, bevor es weitergeht.
So funktionieren weder glaubwürdige Entführer noch gute Spielregeln für einen Thriller.
Gal Gadot hätte einen besseren Film verdient
Gal Gadot trägt „The Runner“ nahezu allein. Das ist wörtlich zu verstehen: Die meiste Zeit sieht man ihr dabei zu, wie sie durch Straßen, Bahnhöfe und Gebäude rennt.
Für die Rolle trainierte die Schauspielerin nach eigenen Angaben mit einem Olympiatrainer. Die körperliche Belastung war offenbar erheblich. Gadot verletzte sich während der Dreharbeiten an den Füßen und beendete einen Teil der Produktion auf Krücken. Fehlende Szenen mussten später nachgeholt werden.
Ihr mangelnden Einsatz vorzuwerfen, wäre daher unfair. Man glaubt ihr jederzeit, dass Maia eine trainierte Athletin ist. Nur emotional bleibt die Figur merkwürdig weit entfernt.
Ich mag Gal Gadot eigentlich sehr. Umso mehr fragte ich mich während des Films: Warum macht sie so etwas? Geldnot dürfte es kaum gewesen sein.
Der Film verschwendet seine Hauptdarstellerin an eine Figur, die außer Laufen, Keuchen und Verzweifeln kaum etwas zu tun bekommt. Selbst ihre belastende Familiengeschichte wirkt weniger wie eine echte psychologische Ebene als wie ein Baustein, den das Drehbuch für eine spätere Wendung benötigt.
Das sieht aus wie Filmeffekte vom Praktikanten
Besonders anstrengend ist die Bildgestaltung. Die Kamera wackelt, Gesichter verschwimmen, Bewegungen ziehen Schlieren und hektische Zooms sollen vermutlich unmittelbare Gefahr vermitteln.
Teilweise sieht das aus, als hätte ein Praktikant sämtliche verfügbaren Actioneffekte gleichzeitig ausprobieren dürfen.
Tatsächlich war hier selbstverständlich kein Praktikant am Werk. Hinter der Kamera stand ausgerechnet Anthony Dod Mantle. Er gewann für „Slumdog Millionaire“ den Oscar und arbeitete unter anderem an „28 Days Later“, „127 Hours“, „Rush“ und „T2 Trainspotting“.
Die Wackler, Unschärfen und seltsamen Bewegungsverzerrungen sind daher kein technischer Unfall. Sie wurden bewusst eingesetzt. Regisseur Kevin Macdonald und sein Kameramann wollten das Publikum offenbar direkt in Maias hektischen Lauf hineinziehen.
Das macht die Sache nur bemerkenswerter, nicht besser.
Eine Stilentscheidung kann handwerklich beabsichtigt sein und trotzdem furchtbar aussehen. In „The Runner“ erzeugen die verlangsamte Verschlusszeit, die Bewegungsschlieren und das ständige Heranzoomen keine Nervosität, sondern vor allem den Wunsch nach einem ruhigen Bild.
Die Action wirkt dadurch nicht schneller oder gefährlicher. Sie sieht billig aus.
Der britische „Guardian“ kritisiert ebenfalls die hektische Kamera und den misslungenen Einsatz der verlangsamten Verschlusszeit. Was modern und unmittelbar wirken soll, erinnere eher an überholte Actionästhetik aus den 2000er-Jahren.
Kindergarten-Action bleibt eben Kindergarten-Action – auch wenn ein Oscar im Regal des Kameramanns steht.
„Lola rennt“ konnte das deutlich besser
Natürlich drängt sich der Vergleich mit „Lola rennt“ auf. Auch dort muss eine Frau in kürzester Zeit eine Stadt durchqueren, um einen Menschen zu retten.
Tom Tykwers Film machte aus dem Rennen jedoch eine eigenständige formale Idee. Er spielte mit Wiederholungen, alternativen Verläufen, Musik, Zufall und der Frage, wie eine winzige Entscheidung das gesamte Ergebnis verändern kann.
„The Runner“ besitzt nichts davon.
Maia rennt von A nach B, während der Anrufer ihr private Informationen vorliest und regelmäßig erklärt, wie überlegen er ist. Die Geschichte bleibt linear, vorhersehbar und erstaunlich fantasielos.
London hätte dabei ein eigener Charakter werden können. Gedreht wurde tatsächlich an zahlreichen realen Schauplätzen, darunter Somerset House und die Gegend um die HMS Belfast. Andere Kritiker loben sogar die geografisch nachvollziehbare Route.
Bei mir blieb davon wenig hängen. London ist hier vor allem Asphalt mit berühmten Gebäuden am Rand. Für eine Geschichte, die ihre Hauptfigur quer durch eine der interessantesten Städte der Welt jagt, ist das ausgesprochen wenig.
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Damian Lewis bleibt eine Stimme ohne Wirkung
Mit Damian Lewis wurde ein hervorragender Schauspieler als Gegenspieler besetzt. Zu sehen ist davon lange kaum etwas.
Der Mann wird lediglich „The Caller“, also der Anrufer, genannt. Er kennt Maias Vergangenheit, kontrolliert ihr Telefon und kann mithilfe künstlicher Intelligenz sogar Stimmen imitieren. Dennoch entwickelt sich zwischen ihm und Maia kein richtiges psychologisches Duell.
Dafür bleibt die Figur zu schematisch.
Wir erfahren weder seinen Namen noch etwas Wesentliches über seinen Hintergrund. Er arbeitet als bezahlter Spezialist für Tommy Boyd oder dessen Umfeld. Sein Auftrag besteht darin, Tafa auszuschalten und damit den Mordprozess zum Einsturz zu bringen.
Mehr ist da nicht.
Damian Lewis besitzt eine markante Stimme und genügend Charisma, um aus wenigen Sätzen eine Bedrohung zu formen. Das Drehbuch lässt ihn jedoch überwiegend bekannte Bösewicht-Sprüche aufsagen und Maias Privatleben kommentieren.
Der Film schneidet den Gegner so stark an, dass kaum Stimmung entstehen kann. Ein Thriller benötigt nicht zwingend einen ausführlich erklärten Täter. Er braucht aber eine Präsenz, die man fürchtet. Genau die fehlt.
Achtung, ab hier wird das Ende von „The Runner“ erklärt
Tötet Maia den Zeugen Tafa?
Nein. Maia erschießt Radian Tafa nicht wirklich.
Auf ihrem Weg durch London gelingt es ihr trotz der Überwachung, heimlich Kontakt zu ihrem Kollegen Ted aufzunehmen. In der U-Bahn benutzt sie das Telefon einer fremden Person und lässt eine Nachricht weitergeben. Später schreibt sie mit Lippenstift eine weitere Botschaft an eine Scheibe.
Der Anrufer kontrolliert zwar Maias Smartphone, übersieht aber diese analogen Hilferufe.
Ted, die Polizei und das Team im Hotel verstehen ihren Plan. Die echten Patronen werden gegen Platzpatronen ausgetauscht. Tafa trägt unter seiner Kleidung Blutbeutel, damit die Schüsse auf dem Handydisplay des Anrufers überzeugend aussehen.
Maia betritt Tafas Hotelzimmer und feuert auf ihn. Tafa bricht scheinbar tödlich getroffen zusammen. Der Anrufer beobachtet alles über die Kamera ihres gehackten Telefons und glaubt, seinen Auftrag erfüllt zu haben.
Das ist die beste Wendung des Films. Allerdings verlangt sie dem Publikum einiges an Gutgläubigkeit ab. Polizei, Hotelpersonal, Ted und Tafa müssen Maias hingeworfene Botschaften in kürzester Zeit verstehen, den gesamten Täuschungsplan organisieren und außerdem dafür sorgen, dass die manipulierte Munition genau im richtigen Moment bereitliegt.
Clever gedacht, sehr großzügig konstruiert.
Wo befindet sich Noah?
Nachdem der Anrufer Tafas vermeintlichen Tod gesehen hat, verrät er Maia Noahs Zimmernummer. Der Junge befindet sich im selben Hotel.
Sein Insulinspender wurde manipuliert und ihm wurde zusätzliches Insulin verabreicht. Dadurch gerät Noah in eine gefährliche Unterzuckerung und verliert das Bewusstsein.
Maia erreicht ihn und spritzt ihm rechtzeitig Glucagon. Nach einigen bangen Sekunden kommt Noah wieder zu sich. Der Film entscheidet sich damit eindeutig für das Happy End.
Wer ist der Anrufer?
Der Anrufer besitzt auch am Ende keinen Namen und erhält keine überraschende persönliche Verbindung zu Maia. Er ist ein bezahlter Spezialist, der Tafa im Auftrag von Boyds Seite beseitigen soll.
Während des Feueralarms tarnt er sich als Sanitäter und versucht, das Hotel unbemerkt zu verlassen. Noah erkennt jedoch den Mann, der ihn entführt hat. Maia versteht seine Reaktion und alarmiert die Polizei.
Als Tafa lebend aus dem Gebäude gebracht wird, erkennt der Anrufer, dass Maia ihn getäuscht hat. Sie feuert mit einer Platzpatrone in seine Richtung und macht ihm deutlich, dass sie keine Mörderin ist.
Der Mann wird festgenommen und die Bombe aus seinem Notfallplan entschärft.
Hat Maia wirklich ihren Vater getötet?
Das bleibt absichtlich offen.
Während ihres Laufs erzählt Maia dem Anrufer, dass nicht ihre Mutter, sondern sie selbst den gewalttätigen Vater erschossen habe. Ihre Mutter habe anschließend die Schuld übernommen, damit ihre Tochter ein normales Leben führen könne.
Mit dieser Geschichte überzeugt Maia den Anrufer davon, dass sie grundsätzlich zum Töten fähig ist. Später erklärt sie jedoch sinngemäß, dass sie ihm genau die Geschichte erzählt habe, die er hören wollte.
Das kann bedeuten, dass ihr Geständnis vollständig erfunden war. Es kann aber auch heißen, dass sie eine wahre Erinnerung bewusst als Manipulationsmittel eingesetzt hat. Eine eindeutige Antwort liefert der Film nicht.
Was bedeutet der letzte Anruf?
Tafa sagt schließlich gegen Tommy Boyd aus, der nun mit einer langen Haftstrafe rechnen muss. Noah ist gerettet und zwischen Maia und Ted deutet sich zumindest eine vorsichtige Annäherung an.
Als Maia erneut einen Anruf von einer unbekannten Nummer erhält, wirft sie ihr Telefon weg.
Dahinter steckt kein Hinweis auf einen geheimen zweiten Täter. Der Moment beendet vielmehr das zentrale Motiv des Films: Maia wurde über ihr Smartphone überwacht, gesteuert und bis in die intimsten Teile ihres Lebens durchleuchtet. Nach diesem Tag möchte sie diesem Gerät verständlicherweise nicht mehr blind vertrauen.
Hat sich Gal Gadot beim Dreh wirklich verletzt?
Ja. Gal Gadot erklärte kurz vor der Veröffentlichung, dass sie für „The Runner“ über Monate trainiert und täglich lange Laufszenen gedreht habe. Dabei verletzte sie sich so schwer an den Füßen, dass sie einen Teil der Produktion auf Krücken beendete.
Das verdient Respekt. Es verbessert nur leider nicht automatisch den Film.
Vielleicht erklärt die enorme körperliche Belastung sogar, weshalb die Inszenierung irgendwann so sehr auf das Rennen selbst fixiert ist. Nur hätte neben der sportlichen Leistung noch ein überzeugender Thriller entstehen müssen.
Meine Bewertung von „The Runner“
„The Runner“ beginnt mit einer brauchbaren Idee und besitzt am Ende eine zumindest nette Wendung. Dazwischen liegt eine Hetzjagd, die zwar ständig in Bewegung bleibt, aber kaum echte Spannung entwickelt.
Die Echtzeitkonstruktion funktioniert nicht. Die Hindernisse wirken künstlich platziert, der Gegenspieler bleibt blass und die hektische Bildgestaltung macht aus mittelmäßiger Action ein visuelles Ärgernis.
Gal Gadot rennt, fällt, kämpft, keucht und trainierte dafür offenbar bis zur körperlichen Erschöpfung. Ihre Leistung kann den Film trotzdem nicht retten.
Wer eine kurze und anspruchslose Unterhaltung für zwischendurch sucht, kann „The Runner“ laufen lassen. Wer einen packenden Thriller, ein glaubwürdiges Psychoduell oder ein ähnlich originelles Tempoexperiment wie „Lola rennt“ erwartet, darf ohne schlechtes Gewissen weitersuchen.
⭐️⭐️ 2 von 5 Sternen
Textquellen: Prime Video: „The Runner“, Amazon MGM Studios: Offizielle Filminformationen, People: Gal Gadot über ihr Lauftraining und ihre Verletzung, The Guardian: Kritik zu „The Runner“, Radio Times: Kritik und Filminformationen, Cineuropa: Drehbeginn, Regie und Kamera, Academy Awards: Anthony Dod Mantles Oscar für „Slumdog Millionaire“ // Bildquelle: Amazon MGM Studios
Zusammenfassung
Gal Gadot muss in „The Runner“ durch London laufen, um ihren entführten Sohn zu retten. Warum der Echtzeitthriller trotz starker Hauptdarstellerin kaum Spannung entwickelt und was das Ende bedeutet.









