60 Jahre Star Trek: Warum uns die Enterprise noch immer Hoffnung macht
+++ Am 8. September 1966 begann eine Science-Fiction-Serie, deren Zukunft bis heute verlockend wirkt +++ Für Sucy Pretsch steht nicht Captain Kirk an erster Stelle, sondern eine kluge Kapitänin, die ihre Crew selbst aus aussichtslosen Situationen nach Hause führt +++
Vor 60 Jahren flog die Enterprise zum ersten Mal über amerikanische Bildschirme. Ich selbst kam allerdings nicht durch Captain Kirk und seine Mannschaft zu Star Trek, sondern durch Jean-Luc Picard und seine Crew. „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ war mein Einstieg in eine Zukunft, in der die Menschheit ihre großen Konflikte auf der Erde überwunden hat und selbst im entlegensten Winkel des Universums noch nach einer vernünftigen Lösung sucht.
Bis heute ist das für mich der eigentliche Kern von Star Trek: Es geht nicht nur um Raumschiffe, fremde Planeten, Phaser und gelegentlich schlecht gelaunte Klingonen. Es geht um die Vorstellung, dass Menschen besser werden können. Dass Barmherzigkeit keine Schwäche ist. Und dass es auch aus einer scheinbar ausweglosen Situation meistens noch einen Ausweg gibt.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Star Trek nach all den Jahren noch immer folge: Ich kann mich damit weit weg in eine schönere Zukunft träumen.
Am 8. September 1966 begann eine ungewöhnliche Zukunft
Die erste reguläre Folge von „Star Trek“ wurde am 8. September 1966 beim US-Sender NBC ausgestrahlt. Die von Gene Roddenberry entwickelte Serie brachte es zunächst nur auf drei Staffeln und 79 reguläre Episoden. 1969 wurde sie eingestellt.
Was damals beinahe wie ein gescheitertes Fernsehprojekt aussah, entwickelte sich durch Wiederholungen zu einem weltweiten Phänomen. Es folgten weitere Serien, Kinofilme, Romane, Spiele und eine Fangemeinde, die vermutlich schon mehrere mittelgroße Planeten bevölkern könnte.
Zum 60. Geburtstag feiert Paramount das Franchise unter dem Leitgedanken einer Zukunft voller Hoffnung und Entdeckergeist, in der Platz für alle Menschen ist. Das klingt nach geschicktem Jubiläumsmarketing, beschreibt aber tatsächlich ziemlich genau, was Star Trek von vielen anderen Science-Fiction-Geschichten unterscheidet.
Star Trek zeigt keine perfekte Welt. Im All warten weiterhin Kriege, Machtkämpfe, gefährliche Technologien und Wesen, deren Vorstellung von Kommunikation gelegentlich mit einem Torpedo beginnt. Aber die Erde hat viele der Konflikte überwunden, an denen wir uns in der Gegenwart noch immer zuverlässig abarbeiten.
Mein Weg zu Star Trek begann mit Captain Picard
Mein erster Captain war Jean-Luc Picard. Seine Enterprise war kein Schiff voller unerschrockener Draufgänger, die erst schossen und anschließend prüften, ob ein Gespräch vielleicht auch gereicht hätte. Picard hörte zu, dachte nach und rang um Entscheidungen.
Die Geschichten von „Das nächste Jahrhundert“ handelten regelmäßig von Verantwortung, Vorurteilen, künstlichem Leben, persönlicher Freiheit und der Frage, wann eine vermeintlich überlegene Zivilisation überhaupt das Recht besitzt, sich einzumischen.
Natürlich gab es auch Raumschlachten. Aber häufig bestand die eigentliche Leistung darin, sie zu verhindern.
Das hat mein Bild von Star Trek geprägt. Eine gute Crew besteht nicht aus einer allwissenden Hauptfigur und einer Ansammlung dekorativer Uniformträger. Sie besteht aus Menschen und anderen Lebewesen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Perspektiven. Die Lösung entsteht gemeinsam.
Kathryn Janeway ist meine Kapitänin
Meine liebsten Star-Trek-Serien sind „Voyager“ und die aktuelle Produktion „Strange New Worlds“. Wenn ich mich für einen Captain entscheiden muss, fällt meine Wahl eindeutig auf Kathryn Janeway.
Die USS Voyager wird mit ihrer Besatzung in den weit entfernten Delta-Quadranten verschlagen. Die Heimreise würde unter normalen Bedingungen Jahrzehnte dauern. Janeway muss deshalb nicht nur ein Raumschiff kommandieren, sondern eine Gemeinschaft zusammenhalten, die vollkommen auf sich allein gestellt ist.
Sie besitzt für mich das, was eine überzeugende Führungspersönlichkeit ausmacht: Janeway behält den Überblick und trifft kluge, häufig weise Entscheidungen. Sie kann hart sein, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren. Sie muss handeln, obwohl es keine Dienstanweisung für ein Schiff gibt, das Zehntausende Lichtjahre von der Sternenflotte entfernt gestrandet ist.
Vor allem steht sie nicht allein über der Geschichte. Ihre Stärke besteht auch darin, ihre Crew zu führen und deren Fähigkeiten zu nutzen. „Voyager“ bleibt eine Geschichte über eine Gemeinschaft, die nach Hause will.
Dass dieses Zuhause unerreichbar weit entfernt scheint, macht die Serie für mich besonders typisch für Star Trek: Die Lage kann verzweifelt sein, aber sie ist niemals vollkommen hoffnungslos.
Bei Star Trek gibt es fast immer einen Ausweg
Viele moderne Serien bauen ihre Wirkung auf Aussichtslosigkeit auf. Die Welt ist kaputt, sämtliche Figuren sind beschädigt und am Ende stellt sich heraus, dass alles noch etwas schrecklicher ist als erwartet. Das kann hervorragend funktionieren. Auf Dauer benötigt man danach allerdings möglicherweise selbst einen Termin bei der Sternenflottenpsychologie.
Star Trek geht von einer anderen Voraussetzung aus. Selbst im Konflikt bleibt das Gegenüber zunächst ein Lebewesen. Gegner besitzen eine Geschichte, eine Kultur und meistens ein Motiv. Nicht jeder lässt sich retten oder überzeugen. Aber die Möglichkeit einer friedlichen Lösung wird ernst genommen.
Diese dem Leben zugewandte Haltung ist für mich nicht naiv. Sie ist der anspruchsvollere Weg. Zerstören lässt sich vieles sehr schnell. Zuhören, verstehen und trotzdem eine klare Grenze ziehen ist erheblich schwieriger.
Gerade deshalb ist die optimistische Zukunft von Star Trek heute nicht überholt. Sie ist wichtiger denn je.
Was ist nach 60 Jahren schlecht gealtert?
Nicht alles an Star Trek hat die Jahrzehnte unbeschadet überstanden. In der ursprünglichen Serie mit William Shatner als Captain Kirk wirken manche technischen Vorstellungen heute kurios. Reale Geräte haben verschiedene damalige Zukunftsentwürfe längst eingeholt oder sehen zumindest eleganter aus als blinkende Konsolen, die bei jedem Treffer Funken in Richtung Besatzung schleudern.
Deutlicher gealtert ist teilweise das Frauenbild der Kirk-Serie. Frauen durften zwar auf der Enterprise arbeiten, wurden aber auffällig häufig über Kleidung, Schönheit oder ihre Wirkung auf männliche Figuren definiert. Einige Szenen erzählen mehr über die gesellschaftlichen Grenzen der 1960er-Jahre als über das 23. Jahrhundert.
Trotzdem ist die Serie insgesamt relativ gut gealtert. Nicht wegen der Kulissen oder jeder einzelnen Geschichte, sondern wegen ihrer grundlegenden Fragen. Was macht einen Menschen aus? Welche Rechte besitzt künstliches Leben? Wie begegnen wir fremden Kulturen? Wann wird Sicherheit zur Unterdrückung? Und wie viel Menschlichkeit bleibt übrig, wenn Angst das Handeln bestimmt?
Diese Fragen haben leider kein Verfallsdatum.
Warum „Discovery“ für mich etwas weniger Star Trek ist
Ich mag auch „Star Trek: Discovery“. Die Serie besitzt starke Bilder, interessante Figuren und viele gute Ideen. Trotzdem fehlt mir dort gelegentlich das klassische Gefühl einer Mannschaft, die gemeinsam eine Lösung findet.
Michael Burnham erledigt sehr vieles allein. Sie erkennt das Problem, trägt die persönliche Verantwortung, trifft die entscheidende Entscheidung und rettet im Zweifelsfall noch schnell den Rest des Universums. Das macht sie zu einer mächtigen Hauptfigur, lässt die anderen Mitglieder der Crew aber mitunter wie sehr qualifizierte Begleitpersonen wirken.
Für mich lebt Star Trek stärker vom Team. Kirk brauchte Spock und McCoy. Picard brauchte Riker, Data, Geordi, Worf, Beverly Crusher und Deanna Troi. Janeway wäre ohne Chakotay, Tuvok, Seven of Nine, den Doktor und ihre gesamte Besatzung niemals aus dem Delta-Quadranten zurückgekehrt.
Eine einzelne Heldin kann großartige Science-Fiction tragen. Star Trek fühlt sich für mich aber am meisten nach Star Trek an, wenn die Brücke als Gemeinschaft funktioniert.
„Strange New Worlds“ findet den alten Geist wieder
Genau deshalb gehört „Strange New Worlds“ zu meinen Lieblingsserien innerhalb des Franchise. Captain Christopher Pike besitzt Autorität, ohne sich permanent als härtester Mann im Raum beweisen zu müssen. Seine Crew darf wichtig sein, Fehler machen und Geschichten tragen.
Die Serie erinnert mich an das klassische episodische Prinzip: Ein unbekannter Planet, eine wissenschaftliche Entdeckung, ein moralisches Problem oder auch einmal kompletter Irrsinn – und in der folgenden Woche wartet etwas völlig anderes.
In meiner Kritik zu den ersten Folgen der vierten Staffel ging es bereits um Dinosaurier, Weltraum-Zombies und einen ziemlich eigenwilligen Urlaubsplaneten. Die Geschichten wechseln munter das Genre, verlieren dabei aber nicht das optimistische Grundgefühl von Star Trek.
Anson Mount ist für mich ein grandioser Captain Pike. Und seine Frisur bleibt vermutlich selbst dann noch in Position, wenn der Warp-Kern, die künstliche Schwerkraft und mehrere Naturgesetze gleichzeitig ausfallen.
Auch die neueren Kinofilme funktionieren für mich. Sie sind schneller, lauter und stärker als Blockbuster inszeniert, bewahren aber genügend von den vertrauten Figuren und ihrer Dynamik.
Mein liebster Film bleibt „Der erste Kontakt“
Wenn ich nur einen Star-Trek-Film empfehlen dürfte, wäre es „Star Trek: Der erste Kontakt“ von 1996. Die Borg reisen in die Vergangenheit, um jenen Moment zu verhindern, der die weitere Entwicklung der Menschheit verändert: den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Spezies.
Captain Picard und seine Mannschaft müssen nicht nur die Geschichte schützen. Picard wird erneut mit seiner eigenen traumatischen Verbindung zu den Borg konfrontiert. Damit verbindet der Film große Science-Fiction, Zeitreise, Action und eine sehr persönliche Geschichte.
Vor allem erzählt er von einem Wendepunkt. Die Menschheit kommt aus einer zerstörerischen Epoche und erkennt durch den ersten Kontakt, dass sie nicht allein ist. Der Blick richtet sich plötzlich nicht mehr nur auf die alten Konflikte, sondern nach außen.
Kaum ein Film fasst die Hoffnung von Star Trek für mich besser zusammen.
Als Vulkanierin unter Gleichgesinnten
2014 besuchte ich die „Destination Star Trek Germany“ auf der Messe Frankfurt. Natürlich ging ich nicht einfach in gewöhnlicher Kleidung dorthin. Ich trug eine rote Sternenflottenuniform und verwandelte mich für die Convention in eine Vulkanierin.
William Shatner sah ich dort auf der Bühne. Eine persönliche Begegnung gab es nicht, aber allein seine Anwesenheit verband die große Geschichte des Franchise mit diesem sehr realen Treffen seiner Fans.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Party am Abend. Fast alle waren verkleidet. Überall standen Mitglieder der Sternenflotte und andere Wesen aus dem Star-Trek-Universum. Für einige Stunden fühlte es sich tatsächlich an, als befände man sich gemeinsam auf dem Bar-Deck eines Raumschiffs.
Das ist eine besondere Seite der Fangemeinde: Man muss nicht lange erklären, warum man sich für diese Welt begeistert. Wer in Uniform zur Party erscheint, hat die wichtigsten Formalitäten bereits geklärt.
Ein Erinnerungsstück besitze ich selbstverständlich ebenfalls: einen Phaser. Natürlich nur ein Spielzeug. Für echte diplomatische Zwischenfälle ist in unserer Wohnung schließlich kein Platz.
Eine schönere Zukunft bleibt ein gutes Ziel
Star Trek ist nach 60 Jahren nicht deshalb bedeutend, weil jede Serie, jede Episode und jeder Kinofilm gleichermaßen gelungen wäre. Das sind sie nicht. Auch dieses Universum produziert gelegentlich Geschichten, die besser in einem schwarzen Loch verschwunden wären.
Das Franchise überlebt, weil seine zentrale Idee größer ist als eine einzelne Produktion: Die Menschheit ist nicht dazu verdammt, für immer dieselben Fehler zu wiederholen.
Wir könnten lernen. Wir könnten Konflikte überwinden. Wir könnten anderen Lebensformen mit Neugier statt automatisch mit Angst begegnen. Wissenschaft könnte nicht nur neue Waffen, sondern neue Möglichkeiten schaffen. Und Führung könnte bedeuten, kluge Entscheidungen für eine Gemeinschaft zu treffen, statt lediglich am lautesten auf dem Kommandosessel zu sitzen.
Diese Zukunft ist nicht altmodisch. Sie ist radikal optimistisch.
⭐️ Sucy-Fazit
Star Trek begleitet mich, weil ich mich damit weit weg in eine schönere Zukunft träumen kann.
Meine Reise begann mit Picard, meine Kapitänin ist Janeway und mit „Voyager“ sowie „Strange New Worlds“ fühle ich mich im Universum besonders zu Hause. „Discovery“ mag ich ebenfalls, auch wenn Michael Burnham für meinen Geschmack etwas zu häufig die komplette Galaxis im Alleingang trägt.
Nach 60 Jahren wirken manche Geräte und manches Frauenbild der Kirk-Ära überholt. Die entscheidende Idee ist es nicht: Selbst aus einer scheinbar ausweglosen Lage kann es einen Weg geben, wenn Menschen zusammenarbeiten, vernünftig entscheiden und dem Leben zugewandt bleiben.
Vielleicht werden wir diese Zukunft niemals genauso erreichen, wie Gene Roddenberry sie sich vorgestellt hat. Aber angesichts unserer Gegenwart erscheint mir schon der Versuch ziemlich sinnvoll.
Und falls dabei etwas schiefgeht: Einen Phaser hätte ich jedenfalls schon.
⭐️ FAQ – Häufige Fragen zu Star Trek
Wann wurde Star Trek erstmals ausgestrahlt?
Die erste reguläre Folge lief am 8. September 1966 beim amerikanischen Sender NBC.
Welche Star-Trek-Serie ist für Einsteiger geeignet?
„Strange New Worlds“ eignet sich gut für Einsteiger, weil viele Folgen abgeschlossene Abenteuer erzählen und wichtiges Vorwissen innerhalb der Handlung vermitteln.
Wer war die erste weibliche Hauptfigur auf dem Kommandosessel einer Star-Trek-Serie?
Kathryn Janeway, gespielt von Kate Mulgrew, kommandierte ab 1995 die USS Voyager.
Welcher Star-Trek-Film eignet sich für Einsteiger?
„Star Trek: Der erste Kontakt“ verbindet eine verständliche Zeitreisegeschichte mit den Borg, Captain Picard und dem entscheidenden ersten Kontakt der Menschheit.
Textquellen: Paramount: Weltweite Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag von Star Trek, Offizielle Star-Trek-Seite zum 60. Jubiläum, Paramount+: 60 Jahre Star Trek – Geschichte und aktuelles Programm, StarTrek.com: Star Trek Voyager, StarTrek.com: Weltweite Veranstaltungen zum Jubiläum, Sucy Pretsch: Kritik zu „Star Trek: Strange New Worlds“ Staffel 4 // Bildquelle: Privat
Zusammenfassung
Star Trek wird 60 Jahre alt. Sucy Pretsch erzählt, warum ihre Reise mit Captain Picard begann, Kathryn Janeway bis heute ihr Captain ist und die optimistische Zukunft der Enterprise gerade jetzt wichtig bleibt.









