298 Schritte, dann verschwand Hilal Ercan – was wissen wir nach 27 Jahren?
+++ Die neue RTL-Nord-Dokumentation begleitet einen neunteiligen Podcast über den Hamburger Vermisstenfall +++ Bis heute wurden weder Hilal noch eindeutige Beweise für ihren Tod gefunden +++
Ist Hilal Ercan wirklich tot? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Seit dem 27. Januar 1999 fehlt von dem damals zehnjährigen Mädchen jede Spur. Weder ihr Leichnam noch ein eindeutiger Tatbeweis wurden gefunden. Die Hamburger Ermittlungsbehörden halten es allerdings für wahrscheinlich, dass Hilal entführt und getötet wurde.
Die neue RTL-Nord-Dokumentation „Ihre letzten 298 Schritte – das Verschwinden von Hilal Ercan“ erinnert an den rätselhaften Fall und begleitet den neuen True-Crime-Podcast „Hilal“ von stern und RTL. Als eigenständige Dokumentation ist sie mir allerdings zu kurz und zu oberflächlich. Sie funktioniert eher wie ein ausführlicher Trailer für die neun Podcastfolgen.
Nähe entsteht vor allem durch Hilals Bruder Abbas Ercan, der seit 27 Jahren nicht aufhört, nach seiner Schwester zu suchen.
„Ihre letzten 298 Schritte“: Wo kann man die Dokumentation sehen?
Die begleitende Dokumentation ist seit dem 4. September 2026 kostenlos auf dem YouTube-Kanal von RTL Nord verfügbar. Dort wird sie derzeit unter dem englischen Titel „Her Last 298 Steps – The Disappearance of Hilal Ercan“ angezeigt. Die Dokumentation selbst ist deutschsprachig.
Der begleitende Podcast „Hilal“ umfasst neun Folgen. Die ersten vier Episoden sind kostenlos über die üblichen Podcastplattformen abrufbar. Alle neun Folgen stehen vollständig bei RTL+ und stern+ zur Verfügung.
Die wichtigsten Informationen:
- Deutscher Titel: Ihre letzten 298 Schritte – das Verschwinden von Hilal Ercan
- Englischer YouTube-Titel: Her Last 298 Steps – The Disappearance of Hilal Ercan
- Format: True-Crime-Dokumentation
- Produktion: RTL Nord
- Veröffentlichung: 4. September 2026
- Verfügbarkeit: kostenlos bei YouTube
- Begleitender Podcast: Hilal
- Podcastplattformen: RTL+, stern+ und teilweise weitere Podcastanbieter
- Hosts des Podcasts: Annalena Antzar und Nicolas Büchse
Wie verschwand Hilal Ercan?
Am 27. Januar 1999 kam Hilal mit ihrer jüngeren Schwester Fatma aus der Schule nach Hause. Die beiden Mädchen hatten ihre Halbjahreszeugnisse bekommen. Gegen 13.10 Uhr durfte Hilal noch einmal in die nahe gelegene Einkaufspassage an der Elbgaustraße in Hamburg-Lurup gehen. Dort wollte sie sich Kaugummi kaufen.
Die Elbgaupassage lag unmittelbar gegenüber der Wohnung der Familie. Trotzdem kam Hilal nicht zurück.
Ihr Verschwinden mitten am Tag und in einer belebten Umgebung macht den Fall bis heute so schwer begreifbar. Es war kein einsamer Waldweg und keine menschenleere Straße. Ein zehnjähriges Mädchen verschwand während eines kurzen Einkaufs in einem Hamburger Stadtteil – und niemand konnte später zweifelsfrei sagen, was geschehen war.
Die Polizei leitete noch am selben Tag eine der größten Suchaktionen der Hamburger Geschichte ein. Sie blieb erfolglos.
Waren es tatsächlich 298 Schritte?
Die aktuelle Dokumentation und der Podcast werben mit den „letzten 298 Schritten“ zwischen Hilals Zuhause und dem Ort, an dem sich ihre Spur verlor. Ältere Medienberichte nannten teilweise eine andere Zahl.
Das muss kein echter Widerspruch sein. Je nachdem, ob der Weg vom Hauseingang, von der Wohnung oder bis zu einem bestimmten Punkt in der Passage gemessen wird, kann eine andere Schrittzahl entstehen. Eine kriminalistisch entscheidende Größe ist die Zahl ohnehin nicht. Wichtig ist, was sie verdeutlicht: Hilal verschwand praktisch vor ihrer eigenen Haustür.
Was vermutet die Polizei?
Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass Hilal wahrscheinlich auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum gegen ihren Willen in ein Fahrzeug gezogen und anschließend an einen unbekannten Ort gebracht wurde.
Bewiesen ist dieser Ablauf nicht. Er gilt nach Auswertung der Zeugenaussagen und Spuren jedoch als das wahrscheinlichste Szenario.
Hilal ist bis heute das einzige langfristig vermisste Kind in Hamburg, dessen Verbleib nicht geklärt werden konnte. Im Jahr 2021 erhöhte die Staatsanwaltschaft die Belohnung für Hinweise, die zur Aufklärung und zur Ermittlung oder Ergreifung eines Täters führen, auf bis zu 20.000 Euro.
Zwei Verdächtige, ein Geständnis und keine Anklage
Im Verlauf der Ermittlungen gerieten verschiedene Personen in den Fokus. Darunter waren zwei bereits wegen anderer Sexualstraftaten verurteilte Männer. Eine Verurteilung im Fall Hilal gab es jedoch nie.
Besonders rätselhaft bleibt das Verhalten von Dirk A. Der verurteilte Sexualstraftäter gestand im Jahr 2005, Hilal getötet und im Hamburger Volkspark vergraben zu haben. Er führte die Polizei zu einem vermeintlichen Ablageort, widerrief sein Geständnis aber wieder. Später gestand er erneut und nannte einen anderen Ort. Auch dort wurde Hilal nicht gefunden.
Es gibt bis heute keine öffentlich bekannte DNA-Spur, keinen Fingerabdruck und keinen Leichenfund, der Dirk A. mit Hilals Verschwinden verbindet. Sein widersprüchliches Verhalten macht ihn verdächtig, ersetzt aber keinen Beweis.
Mich hat gerade dieser Widerruf überrascht. Ein Geständnis klingt zunächst nach dem lang ersehnten Durchbruch. Wenn es anschließend zurückgenommen wird und sich an den genannten Orten nichts finden lässt, bleiben für die Familie nur neue Hoffnung und eine weitere Enttäuschung.
Hätte Hilal gefunden werden können?
Podcast und Dokumentation stellen die Frage, ob Fehler und falsche Prioritäten bei den Ermittlungen eine Aufklärung verhindert haben könnten. Die kurze Dokumentation bleibt dabei allerdings zu weit weg, um diese schwere Kritik wirklich nachvollziehbar zu belegen.
Man erfährt, dass sich die Ermittlungen zeitweise stark auf Hilals Familie konzentrierten und andere Hinweise möglicherweise nicht mit derselben Konsequenz verfolgt wurden. Ob dadurch eine konkrete Gelegenheit zur Rettung oder späteren Aufklärung verloren ging, lässt sich aus der Dokumentation allein nicht beurteilen.
Genau an dieser Stelle merkt man, dass der Film eigentlich nur Begleitmaterial ist. Für eine seriöse Bewertung möglicher Ermittlungsfehler braucht es Akten, eine nachvollziehbare Chronologie und ausführliche Gespräche mit den beteiligten Ermittlern. Das verspricht eher der neunteilige Podcast.
Nach der kurzen Dokumentation kann ich jedenfalls nicht sagen, dass Hilal damals hätte gefunden werden können. Dafür liefert sie zu wenig belastbare Informationen.
Warum steht Hilals Bruder Abbas im Mittelpunkt?
Von der Familie sticht in der Dokumentation vor allem Abbas Ercan hervor. Er hält die Suche nach seiner Schwester seit Jahrzehnten öffentlich am Leben. Über soziale Medien, Zeugenaufrufe, Buswerbung und Vermisstenanzeigen versucht er, doch noch den entscheidenden Hinweis zu bekommen.

Dabei geht es ihm nach eigener Aussage weniger um Rache als um Gewissheit. Seine Mutter Ayla möchte endlich einen Ort haben, an dem sie um ihre Tochter trauern kann.
Diese Nähe zum Bruder ist die größte Stärke der Dokumentation. Gleichzeitig dominiert der Kriminalfall so stark, dass Hilal selbst als Kind nicht genügend Kontur erhält. Man erfährt, wie und wo sie verschwand. Wer sie war, wie sie dachte, lachte oder ihren Alltag erlebte, bleibt dagegen zu sehr im Hintergrund.
Eine opferorientierte Dokumentation sollte nicht nur erzählen, was einem Menschen widerfahren ist. Sie sollte auch zeigen, welcher Mensch dort vermisst wird.
Ist Hilal Ercan offiziell tot?
Hilals Tod ist nicht zweifelsfrei bewiesen. Es wurde kein Leichnam gefunden, und es gibt keinen Täter, der wegen ihrer Entführung oder Tötung verurteilt worden wäre.
Die Ermittlungsbehörden gehen trotzdem davon aus, dass Hilal wahrscheinlich einem Tötungsdelikt zum Opfer gefallen ist. Nach mehr als 27 Jahren erscheint die Hoffnung, sie noch lebend zu finden, äußerst gering. Gewissheit ist das aber nicht.
Genau darin liegt die Grausamkeit dieses Falls: Hilals Familie kann weder auf ihre Rückkehr warten, ohne sich selbst zu quälen, noch endgültig Abschied nehmen.

⭐️ Mein Fazit zur Hilal-Dokumentation
„Ihre letzten 298 Schritte – das Verschwinden von Hilal Ercan“ erinnert an einen der erschütterndsten ungelösten Vermisstenfälle Deutschlands. Besonders verstörend ist, dass Hilal am helllichten Tag in einer belebten Hamburger Gegend verschwand. Keine 300 Schritte von ihrem Zuhause entfernt reichten aus, um ihre Spur für immer zu verlieren.
Die Dokumentation bleibt fair und vorsichtig. Sie verurteilt keinen der damaligen Verdächtigen und verkauft Vermutungen nicht als Tatsachen. Inhaltlich ist sie mir aber zu kurz. Die möglichen Ermittlungsfehler, die wechselnden Verdächtigen und die widerrufenen Geständnisse werden nur angerissen.
Am stärksten ist der Film, wenn Abbas Ercan von seiner Schwester und seiner jahrzehntelangen Suche erzählt. Trotzdem dominiert der Fall Hilal als Mensch. Für eine vollständige Einordnung sollte man deshalb zusätzlich den Podcast und die ausführlichen Recherchen bei stern lesen beziehungsweise hören.
Als Einstieg ist die Dokumentation empfehlenswert. Als alleinige Aufarbeitung reicht sie nicht.
⭐️⭐️⭐️ 3 von 5 Sternen
Hinweise im Fall Hilal Ercan
Wer ernsthafte Informationen über Hilals Verschwinden besitzt, sollte sich direkt an die Polizei wenden. Das Landeskriminalamt Hamburg nahm in seinem öffentlichen Aufruf Hinweise unter der Telefonnummer 040 4286-56789 entgegen.
Keine Namen oder unbelegten Verdächtigungen in sozialen Netzwerken veröffentlichen. In einem ungeklärten Fall helfen überprüfbare Hinweise – keine Hobbyermittlungen und keine öffentlichen Vorverurteilungen.
Textquellen: RTL Nord bei YouTube: Her Last 298 Steps – The Disappearance of Hilal Ercan, RTL-Presseportal: „Hilal“ ab dem 4. September auf stern+ und RTL+, RTL: Hilal wird seit 27 Jahren vermisst, RTL+: Der neunteilige Podcast „Hilal“, Polizei Hamburg und Staatsanwaltschaft: Belohnung für Hinweise auf Hilal Ercan, NDR: Seit 1999 vermisst – der Fall Hilal Ercan, NDR: Neue Hoffnung im Cold Case Hilal Ercan // Bildquellen: RTL, Instagram Screenshot
Zusammenfassung
298 Schritte trennten Hilal Ercan von ihrem Zuhause. Seit 1999 fehlt jede Spur von ihr. Die neue Dokumentation erinnert an den ungeklärten Hamburger Vermisstenfall – bleibt als eigenständige Aufarbeitung aber zu oberflächlich.









