Preppergruppe im Bunker im Tatort Die letzten Menschen von Köln

»Tatort: Die letzten Menschen von Köln« macht fast alles falsch

8 Min. Lesezeit

Die erste Szene ist richtig gut. Elara Schmidtke irrt verängstigt durch die Nacht, versucht ihren Bruder zu erreichen und steigt schließlich in einen schwarzen Transporter. Man weiß noch nicht, wovor sie Angst hat, wer die Männer im Wagen sind und warum sie trotzdem mitfährt.

Der neue Kölner „Tatort“ braucht nur wenige Minuten, um Unbehagen und Neugier zu erzeugen. Genau so könnte es weitergehen.

Tut es aber nicht.

Was folgt, ist die Verschwendung einer hervorragenden Ausgangsidee. Ein geheimer Zivilschutzbunker, eine Preppergruppe, ein Survivaltrainer mit dunkler Vergangenheit und ein Mord, der mit einem alten Unglück zusammenhängt: Daraus ließe sich ein klaustrophobischer Thriller machen.

„Die letzten Menschen von Köln“ macht daraus stattdessen eine Fremdschämnummer nach Schema F. F wie: Kannste fergessen.

Worum geht es in „Die letzten Menschen von Köln“?

Der Berufsschullehrer Linus Makris wird in einem Park mit einem Jagdmesser getötet. Seine Schwester Elara Schmidtke ist zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden.

Gemeinsam mit ihrem Bruder wollte sie an einem Survivaltraining teilnehmen, das von Moritz Zechmann geleitet wird. Linus erreicht den Treffpunkt jedoch nicht mehr. Elara steigt allein in den Transporter und wird zusammen mit Zechmann, dessen 16-jährigem Sohn Mats und weiteren Teilnehmern zu einem geheimen Bunker gebracht.

Während Max Ballauf und Freddy Schenk den Mord untersuchen, beginnt unter der Erde das Training für den Weltuntergang. Zechmann simuliert einen atomaren Angriff auf Düsseldorf und erklärt seine Gruppe zu den letzten Menschen von Köln.

Parallel wird in der Stadt tatsächlich eine Weltkriegsbombe entschärft. Köln befindet sich im Ausnahmezustand, Straßen werden geräumt und ganze Bereiche abgesperrt. Das klingt nach einem richtig guten „Tatort“. Leider bleibt es beim Klang.

Szene aus dem Kölner „Tatort: Die letzten Menschen von Köln“ mit dem Survivaltrainer Moritz Zechmann und seiner Preppergruppe in einem ehemaligen Zivilschutzbunker.
ARD/WDR TATORT: DIE LETZTEN MENSCHEN VON KÖLN, Regie: Marcus Weiler, Buch: Eva Zahn & Volker A. Zahn, am Sonntag (20.09.26) um 20:15 Uhr im ERSTEN

Der Bunker ist bleich, flach und vollkommen leblos

Ein Bunker ist ein Geschenk für jeden Thriller. Enge Gänge, künstliches Licht, abgeschlossene Türen und Menschen, die einander nicht vertrauen, liefern die Bedrohung praktisch frei Haus.

Doch in diesem „Tatort“ entsteht daraus kaum Spannung.

Der Bunker ist nicht zu dunkel. Das wäre als Erklärung zu einfach. Über den Räumen liegt vielmehr ein bleiches, langweiliges Licht, das jede Atmosphäre im Keim erstickt. Die Bilder wirken weder geheimnisvoll noch wirklich beklemmend. Sie sind einfach nur flach und leblos.

Dabei soll sich die Situation unter der Erde immer bedrohlicher anfühlen. Zechmann verschärft die Regeln, die Gruppe wird nervöser und Elara beginnt, sich gegen den Survivaltrainer aufzulehnen.

Theoretisch steigt damit der Druck. Praktisch wartet man darauf, dass sich endlich auch beim Zuschauen ein Gefühl von Gefahr einstellt.

Es kommt nicht.

Wenn Bedrohung wie schlechtes Laientheater wirkt

Noch schwerer wiegen die hölzernen Szenen im Bunker. Die Gruppe soll unberechenbar und zunehmend gefährlich erscheinen. Stattdessen wirken viele Dialoge und Reaktionen derart gestellt, dass aus der Eskalation unfreiwillige Komik wird.

Das ist umso erstaunlicher, weil mit Katharina Schüttler und Florian Stetter zwei erfahrene Darsteller im Zentrum stehen. Doch selbst gute Schauspieler können nur begrenzt gegen Dialoge, Regieentscheidungen und Situationen anspielen, die jede Natürlichkeit vermissen lassen. Teile des übrigen Ensembles wirken zudem so steif, als würden sie das Drehbuch zum ersten Mal während der Aufnahme sehen.

Menschen schreien, drohen oder starren einander bedeutungsvoll an. Trotzdem bleibt fast alles erstaunlich folgenlos.

Eine bedrohliche Gruppendynamik entsteht nicht dadurch, dass Figuren böse gucken. Sie muss sich aus ihren Handlungen, ihren Beziehungen und ihrem wachsenden Misstrauen entwickeln. Genau diese Entwicklung behauptet der Film häufiger, als dass er sie glaubwürdig zeigt.

Das Drehbuch erklärt viel und erzählt wenig

Der Fall häuft Themen an, die jeweils einen eigenen Film tragen könnten: Prepper, Abstiegsängste, Radikalisierung, Naturkatastrophen, Kriegsszenarien, ein geheimer Bunker und das psychologische Verhalten einer eingeschlossenen Gruppe. Zusätzlich wird Köln wegen einer Weltkriegsbombe evakuiert.

Nur entsteht aus dieser Materialfülle kein dichter Thriller. Die tatsächliche Bombenentschärfung soll offenbar einen ironischen Kontrast zum simulierten Weltuntergang im Bunker bilden. Für die Handlung ist sie jedoch erstaunlich unwichtig. Die Gruppe unter der Erde bekommt davon nichts mit, während die Ermittler ihre üblichen Stationen abarbeiten.

Ballauf und Schenk befragen Angehörige, prüfen Alibis und suchen nach dem geheimen Veranstaltungsort. Alles läuft routiniert und vorhersehbar ab. Der Film schaltet zwischen den Ermittlungen und dem Bunker hin und her, ohne dass sich beide Ebenen gegenseitig wirklich antreiben.

Der angebliche Wettlauf gegen die Zeit fühlt sich dadurch vor allem wie ein sehr langsamer Spaziergang an.

Die große Tragödie mit dem Brett

Im Zentrum der Vorgeschichte steht der Tod von Sonja Makris, der Mutter von Linus und Elara. Sie starb während einer Flutkatastrophe. Survivaltrainer Moritz Zechmann war damals ebenfalls dabei und trägt eine Verantwortung, mit der ihn die Geschwister konfrontieren wollen.

Der Film erklärt das damalige Unglück durch Erzählungen der Beteiligten. Ein Brett, ein verzweifelter Mann und eine Frau sollen die große emotionale Wucht dieser Vergangenheit vermitteln.

Die Bilder erinnern dabei so auffällig an die berühmte Türszene aus „Titanic“, dass sich die beabsichtigte Tragik kaum entfalten kann. Statt Mitgefühl entsteht erneut Fremdscham.

Inhaltlich ist der alte Vorfall wichtig. Er verbindet die Vergangenheit des Survivaltrainers mit dem aktuellen Mord und erklärt, warum Linus und Elara überhaupt an dem Workshop teilnehmen wollten. Inszenatorisch gerät die Rückblende jedoch zur bemühten Tragödiennummer.

Der Film möchte unbedingt, dass wir die Bedeutung dieses Moments fühlen. Gerade deshalb fühlt man sie kaum.

Ein gutes Thema macht noch keinen guten Film

Das Ärgerliche an „Die letzten Menschen von Köln“ ist nicht, dass der Film nichts zu erzählen hätte. Das Gegenteil ist der Fall.

Die gesellschaftlichen Voraussetzungen für Prepperbewegungen sind interessant: wirtschaftlicher Abstieg, Kontrollverlust, Angst vor Krieg oder Katastrophen und die Sehnsucht nach einfachen Regeln. Moritz Zechmann verkauft seinen Teilnehmern nicht nur Überlebenstechniken. Er bietet ihnen eine Welt, in der wieder klare Hierarchien gelten und er selbst bestimmt, was richtig ist.

Darin steckt viel Stoff.

Doch der „Tatort“ macht daraus Figuren, die ihre Funktion gut sichtbar vor sich hertragen. Der Survivaltrainer ist der undurchsichtige Anführer. Die Teilnehmer sind potenziell gefährlich. Elara stellt die unbequemen Fragen. Der Sohn verteidigt den Vater.

Fast jede Figur verhält sich so, wie es das Schema gerade verlangt. Überraschend oder menschlich wird es selten.

Tatort Die letzten Menschen von Köln
ARD/WDR TATORT: DIE LETZTEN MENSCHEN VON KÖLN, Regie: Marcus Weiler, Buch: Eva Zahn & Volker A. Zahn, am Sonntag (20.09.26) um 20:15 Uhr im ERSTEN

Wer hat Linus Makris getötet?

Achtung, ab hier folgen Spoiler!

Die Täterauflösung ist keine große Überraschung: Mats Zechmann, der 16-jährige Sohn des Survivaltrainers, hat Linus Makris ermordet (und später tut er das auch noch seinem Vater an!).

Linus wollte Moritz Zechmann wegen seiner Rolle beim Tod ihrer Mutter zur Rede stellen. Mats wollte seinen Vater und dessen Geheimnis schützen. Dafür tötete er Linus mit dem Jagdmesser.

Der Survivaltrainer ist damit zwar eng mit dem Motiv und der Vorgeschichte verbunden, aber nicht selbst der Mörder. Der Sohn greift zur Gewalt, weil er die bedrohte Welt seines Vaters bewahren will.

Inhaltlich schließt sich der Kreis. Wirklich raffiniert ist die Auflösung allerdings nicht. Sobald der Film Mats stärker in den Mittelpunkt rückt, bleibt kaum noch eine ernsthafte Alternative übrig.

Warum überzeugt das Ende nicht?

Die Auflösung passt zur Geschichte, rettet sie aber nicht.

Dass der Sohn aus Loyalität zu seinem Vater zum Täter wird, könnte tragisch sein. Doch dafür müsste die Beziehung zwischen beiden stärker und glaubwürdiger entwickelt werden. Stattdessen liefert der Film die benötigten Informationen, ohne ihnen ausreichend emotionale Kraft zu geben.

Auch die große Eskalation im Bunker wirkt weniger wie der Höhepunkt eines beklemmenden Thrillers als wie das pflichtgemäße Abarbeiten der letzten Drehbuchpunkte.

Schema F eben. F wie: Kannste fergessen.

Dieser „Tatort“ besitzt einen großartigen Schauplatz und mehrere Themen, aus denen ein packender Thriller hätte entstehen können. Nur die erste Szene zeigt, welches Potenzial tatsächlich vorhanden war.

Danach folgen bleiche Bilder, steife Auftritte, hölzerne Dialoge und eine Inszenierung, die Bedrohung ständig behauptet, aber kaum fühlbar macht. Selbst die emotionale Vorgeschichte versinkt in einer Rückblende, die unfreiwillig an „Titanic“ erinnert.

Ganz so katastrophal wie „König in Gelb“ ist der Film nicht. Das muss man honorieren. 😅

Die beiden jüngsten „Tatorte“ kämpfen allerdings tief im vierten Untergeschoss um die rote Laterne für das mieseste Fernseherlebnis des Jahres. „Die letzten Menschen von Köln“ liegt nur deshalb knapp zurück, weil seine erste Szene tatsächlich gelungen ist und die Ausgangsidee deutlich mehr verspricht.

⭐️⭐️ 2 von 5 Sternen

Schlecht, aber immerhin nicht das Schlechteste.


  • Titel: Tatort: Die letzten Menschen von Köln
  • Ermittler: Max Ballauf und Freddy Schenk
  • Darsteller: Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Katharina Schüttler, Florian Stetter, Katrin Wichmann, Paul Ahrens, Ann-Kathrin Kramer
  • Regie: Marcus Weiler
  • Drehbuch: Eva Zahn und Volker A. Zahn
  • Produktion: Bavaria Fiction im Auftrag des WDR
  • Erstausstrahlung: 20. September 2026 im Ersten
  • Vorab verfügbar: seit 18. September 2026 in der ARD Mediathek
  • Bewertung: 2 von 5 Sternen

Textquellen: Offizielle Programminformation des WDR, Besetzung und Stab beim WDR, „Tatort“ in der ARD Mediathek // Bildquelle: WDR/BAVARIA FICTION/Thomas Kost


Zusammenfassung

Prepper, Survivaltraining und ein geheimer Atombunker: Dieser Kölner „Tatort“ hätte ein packender Thriller werden können. Stattdessen regieren bleiche Bilder, hölzerne Szenen und Fremdscham.

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