»The Witness« bei Netflix: Was geschah wirklich im Fall Rachel Nickell?
+++ Rachel Nickell wurde 1992 vor den Augen ihres kleinen Sohnes getötet. Die dreiteilige Netflix-Serie erzählt vor allem, wie Vater und Sohn danach weiterlebten +++ Was wirklich geschah +++
Das Wichtigste in Kürze
„The Witness“ beginnt ohne Anlauf: Rachel Nickell wird bereits in den ersten Minuten getötet. Ihr zweijähriger Sohn Alex ist der einzige Zeuge. Im Mittelpunkt der drei Folgen stehen anschließend Alex und sein Vater André Hanscombe – ihr Leben mit dem Verlust, der öffentlichen Aufmerksamkeit und einer Ermittlung, die sehr lange zum falschen Mann führte. Der reale André und der inzwischen erwachsene Alex waren als Berater an der Serie beteiligt.
Kritik: Der Fall ist bekannt, die Sicht des Kindes ist neu
Ich kannte Rachel Nickells Geschichte bereits aus einer Dokumentation. Deshalb hat mich der Kriminalfall selbst nicht mehr überrascht. Neu und interessant war für mich, dass „The Witness“ Alex nicht beim kleinen Jungen stehen lässt, der den Mord miterleben musste. Die Serie zeigt auch, wie er als Jugendlicher mit dem Geschehenen weiterlebt.
Das ist ihre größte Stärke. Vater und Sohn werden einfühlsam dargestellt, und die Verfilmung interessiert sich dafür, was ein Verbrechen lange nach der Tat mit den Angehörigen macht. Die Besetzung und die Machart sind gut. Trotzdem hätte die Inszenierung für meinen Geschmack an einigen Stellen mehr Zug vertragen.
Wer vor allem einen detaillierten Polizeikrimi erwartet, sollte wissen, worauf er sich einlässt: Die Perspektive der Opferfamilie prägt die Serie. Die Versäumnisse der Ermittler sind Teil der Geschichte, stehen aber weniger im Zentrum als das Leben von André und Alex.

Was geschah im Fall Rachel Nickell wirklich?
Rachel Nickell wurde am 15. Juli 1992 auf Wimbledon Common in London getötet. Ihr zweijähriger Sohn Alex war bei ihr. Die Polizei konzentrierte sich zunächst auf Colin Stagg. Ein Richter ließ das Verfahren gegen ihn 1994 nicht vor eine Jury gehen. Die Metropolitan Police entschuldigte sich später öffentlich bei dem Unschuldigen.
Der Täter war Robert Napper. Erst neue forensische Untersuchungen brachten ihn Jahre später mit Rachel Nickells Tod in Verbindung. Am 18. Dezember 2008, mehr als 16 Jahre nach der Tat, bekannte er sich vor Gericht des Totschlags wegen verminderter Schuldfähigkeit schuldig. Er wurde auf unbestimmte Zeit in einer gesicherten psychiatrischen Klinik untergebracht. Die genaue Bezeichnung ist wichtig: Im Fall Rachel Nickell lautete sein Schuldbekenntnis manslaughter on the grounds of diminished responsibility, nicht Mord.
Gab es die Versäumnisse der Polizei wirklich?
Ja. Die Polizei verfolgte Stagg zu Unrecht und übersah Hinweise auf Napper. Eine Untersuchung der damaligen britischen Polizeibeschwerdekommission IPCC stellte später eine Reihe schwerer Fehlentscheidungen und verpasster Gelegenheiten fest, Napper früher zu stoppen. Die Fehler gehören also zur belegten Geschichte des Falls.
Gerade hier setzt die Serie allerdings einen anderen Schwerpunkt. Wer genauer verstehen möchte, wie die Ermittlungen scheiterten, findet bei Netflix zusätzlich die Dokumentation „Der Mord an Rachel Nickell“ mit Interviews, Archivmaterial und forensischem Hintergrund.
Was wurde für „The Witness“ erfunden?
Der Mord, die falsche Verdächtigung Colin Staggs, die lange Suche nach dem Täter und Nappers Schuldbekenntnis sind dokumentiert. Auch die Grundperspektive von André und Alex stammt aus ihrem wirklichen Leben. Beide arbeiteten an der Verfilmung mit.
„The Witness“ bleibt aber eine gespielte Serie. Gespräche, einzelne Begegnungen und der genaue Ablauf privater Szenen lassen sich nicht pauschal als wortgetreue Wiedergabe bezeichnen. Die Produktion verdichtet viele Jahre auf drei Folgen. Ein Beispiel, bei dem der Eindruck täuschen kann: Die wie private Familienvideos wirkenden Aufnahmen zu Beginn wurden Berichten zufolge für die Serie gedreht. Wer Originalmaterial und Aussagen der Beteiligten sehen will, sollte zur begleitenden Dokumentation greifen.
⭐️ Sucy-Fazit
„The Witness“ ist eine schockierend traurige, einfühlsam erzählte True-Crime-Serie. Mich hat besonders der Blick auf Alex’ Jugend berührt. Der Fall war mir bekannt, und etwas mehr Spannung hätte der Inszenierung gutgetan. Doch die Geschichte von Rachel, André und Alex bleibt schwer auszuhalten – erst recht, wenn man sich zusätzlich die echten Aufnahmen und Berichte in der Dokumentation ansieht.
⭐️⭐️⭐️ 3 von 5 Sternen
Häufige Fragen zu „The Witness“
Ist „The Witness“ eine Dokumentation?
Nein. „The Witness“ ist eine dreiteilige gespielte Serie nach wahren Ereignissen. Die begleitende Netflix-Dokumentation heißt „The Murder of Rachel Nickell“.
Wer wurde für Rachel Nickells Tod verurteilt?
Robert Napper bekannte sich 2008 des Totschlags wegen verminderter Schuldfähigkeit schuldig. Zwischen der Tat und diesem Abschluss des Verfahrens lagen mehr als 16 Jahre.
War Colin Stagg der Täter?
Nein. Die Polizei verfolgte ihn zu Unrecht und entschuldigte sich später öffentlich bei ihm.
Textquellen: Netflix: „The Witness“, Netflix Tudum: Hintergründe zur Serie, STV Studios: Angaben zur Produktion und Mitarbeit der Familie, The Guardian: Gerichtsbericht vom 18. Dezember 2008, The Guardian: Bericht zur IPCC-Untersuchung, Cosmopolitan: Einordnung der Anfangsaufnahmen // Bildquelle: Netflix
Zusammenfassung
Wie wahr ist die Trze-Crime-Serie „The Witness“ auf Netflix? Sucys Kritik mit 3 von 5 Sternen und der Faktencheck zu Rachel Nickell, Colin Stagg und Robert Napper.









