»Tatort: Frei wie ein Adler«: Warum überzeugt die überraschende Auflösung nicht?
+++ Einfühlsame Figuren und starke Darsteller tragen den Zürcher Krimi +++ Warum das Ende überrascht, aber dramaturgisch enttäuscht +++ In der ARD Mediathek und am 8. November im Ersten: 3 von 5 Sternen +++
Wer hat Sophia Cancellara umgebracht? In »Tatort: Frei wie ein Adler« führt die Suche nach der Antwort in die Zürcher Rockerszene und eine inklusive Wohngemeinschaft. Mich haben vor allem die Menschen und ihre Darstellung berührt. Als Krimi bleibt der Film dagegen recht durchschnittlich, und seine überraschende Auflösung wirkt auf mich zu wenig vorbereitet.
Das Wichtigste in Kürze
- Titel: Tatort: Frei wie ein Adler
- Ermittlerinnen: Isabelle Grandjean und Tessa Ott, gespielt von Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler
- Genre: Krimi
- Ausstrahlung: Sonntag, 8. November 2026, um 20:15 Uhr im Ersten; bereits vorab in der ARD Mediathek
- Regie und Drehbuch: Christian Theede und Jürgen Werner
- Meine Bewertung: ⭐⭐⭐☆☆ – 3 von 5 Sternen
- Kurzurteil: Einfühlsam gespielte Figuren, eine sympathische Besetzung und ein Kriminalfall, dessen Schlusswendung mehr Vorbereitung gebraucht hätte.
Worum geht es in »Frei wie ein Adler«?
Sophia Cancellara betreibt eine Wäscherei in Zürich. Sie möchte die Stadt verlassen, bevor ihr Exmann Simon Bärfuss, ein ehemaliger Rockerboss, aus dem Gefängnis kommt. Für ihren Mitarbeiter Jacob Göldi wäre die Schließung ein schwerer Verlust: Die Wäscherei gibt ihm Arbeit, Zugehörigkeit und einen vertrauten Alltag.
Als Sophia erschlagen aufgefunden wird, geraten sowohl Simon als auch Jacob unter Verdacht. Grandjean und Ott müssen herausfinden, welche Konflikte tatsächlich mit dem Verbrechen zusammenhängen. Die Ermittlungen führen sie dabei auch in Jacobs inklusive Wohngemeinschaft.
Die Menschen berühren mehr als der Kriminalfall
Die Darstellung der Menschen mit Trisomie 21 ist für mich die größte Stärke dieses Tatorts. Besonders Jacob bekommt Raum für eigene Gefühle, Wünsche und Entscheidungen. Er darf eine Persönlichkeit sein, mit der man mitfühlt und deren Reaktionen man verstehen möchte.
Benjamin Raue spielt ihn überzeugend. Überhaupt haben mich die Darstellerinnen und Darsteller mit Trisomie 21 beeindruckt. Ihre Szenen gehören für mich zu den einfühlsamsten Momenten des Films.
Zur Besetzung gehören neben Raue und Juliane Siebecke auch Mitglieder des Zürcher Theaters Hora. Das professionelle Ensemble arbeitet mit Schauspielerinnen und Schauspielern mit kognitiven Beeinträchtigungen. Diese Erfahrung ist dem Film anzumerken.
Gerade hier hätte ich gern noch mehr Zeit mit den Figuren verbracht. Denn ihre Geschichten interessieren mich deutlich stärker als manche Wendung der Ermittlungen.

Grandjean und Ott gefallen, die Spannung bleibt überschaubar
Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler gefallen mir als Ermittlerduo gut. Grandjean und Ott tragen durch den Fall, auch wenn das Drehbuch ihnen keinen besonders mitreißenden Krimi liefert. Weniger überzeugt haben mich einzelne Auftritte der jungen Schweizer Darstellerinnen außerhalb des inklusiven Ensembles. Da wirkt das Spiel für mich stellenweise weniger natürlich.
Bei Spannung und Tempo zeigt sich leider ein Problem, das ich zuletzt häufiger beim Tatort hatte: Es passiert einiges, aber richtig gepackt hat mich die Geschichte selten. Gemessen an einigen jüngeren deutschen Folgen schneidet dieser Zürcher Fall für mich zwar besser ab. Ein fesselnder Krimi wird daraus trotzdem nicht.
Bilder, Musik und Inszenierung sind ordentlich. Sie passen zum Film, bleiben für mich aber eher im Hintergrund. Die emotionalen Momente entstehen vor allem durch die Menschen vor der Kamera.
Warum spricht Grandjean mit einem Akzent?
Isabelle Grandjean stammt aus La Chaux-de-Fonds im französischsprachigen Teil der Schweiz. Ihre Muttersprache ist Französisch. Auch Anna Pieri Zuercher bezeichnet Französisch als ihre Muttersprache. Der hörbare Akzent passt also zum Hintergrund der Figur.
Das Ende: Warum mich die Auflösung enttäuscht
Achtung, ab hier folgen Spoiler zur Auflösung.
Am Ende stellt sich eine Frau mit Trisomie 21 als Täterin heraus. Diese Wendung hat mich überrascht. Allerdings hatte die Figur für mich zuvor so wenig Gewicht in der Geschichte, dass ihre Entlarvung zu plötzlich kam.
Mein Kritikpunkt ist die erzählerische Vorbereitung: Ich möchte bei einer Auflösung im Rückblick erkennen können, wie sich die Hinweise zusammenfügen. Hier hatte ich vor allem das Gefühl, dass der Film kurz vor Schluss noch eine unerwartete Antwort hervorholt. Die entscheidende Figur hätte vorher mehr Aufmerksamkeit und Entwicklung gebraucht.
Das ist schade, weil der Tatort bei anderen Figuren durchaus zeigt, wie einfühlsam er erzählen kann. Ausgerechnet beim entscheidenden Schritt zur Aufklärung fehlt mir diese Sorgfalt. Die Überraschung funktioniert für einen Moment; eine wirklich befriedigende Auflösung entsteht daraus für mich nicht.
Trisomie 21 und Schuldfähigkeit: keine pauschale Antwort
Ein Gedanke aus dem Film hat mich beschäftigt: Wie selbstverständlich oder eben nicht selbstverständlich trauen wir Menschen mit Trisomie 21 eigenverantwortliches Handeln zu?
Bei der Schuldfähigkeit muss man allerdings genau unterscheiden. Trisomie 21 bedeutet weder automatisch Schuldunfähigkeit noch automatisch volle Schuldfähigkeit. Nach Artikel 19 des Schweizer Strafgesetzbuchs kommt es darauf an, ob die betreffende Person zur Tatzeit das Unrecht erkennen und entsprechend handeln konnte. War diese Fähigkeit eingeschränkt, kann eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegen. Entscheidend ist die individuelle Beurteilung.
Dass der Film Fragen nach Verantwortung, Fürsorge und vorschnellen Urteilen aufwirft, finde ich interessant. Eine stärkere Krimihandlung hätte diesem Thema zusätzlich geholfen.
⭐️ Sucy-Fazit
»Frei wie ein Adler« ist für mich ein ordentlicher Tatort mit berührenden Momenten. Besonders die Darstellerinnen und Darsteller mit Trisomie 21 und der große Handlungsspielraum für Jacob haben mir gefallen. Auch Grandjean und Ott sehe ich gern zu.
Die Spannung bleibt jedoch überschaubar, und die Auflösung kommt mir zu unvermittelt. Für Tatort- und Krimifans, die einen soliden Fernsehabend suchen, passt das. Wer eine vielschichtige Geschichte mit sorgfältig aufgebautem Finale erwartet, dürfte weniger zufrieden sein.
⭐️⭐️⭐️ 3 von 5 Sternen
Auch interessant: »Tatort: König in Gelb« – meine Kritik zu Tätern und Ende
Textquellen: ARD Mediathek: Frei wie ein Adler, SRF: Hintergrund und Besetzung, Schweizerisches Strafgesetzbuch, Artikel 19, RND: Hintergrund zu Isabelle Grandjean, RND: Interview mit den Darstellerinnen // Bildquellen: SRG SSR/Pascal Mora
Zusammenfassung
Der Zürcher Tatort »Frei wie ein Adler« überzeugt durch seine einfühlsam dargestellten Figuren und das inklusive Ensemble. Die mäßige Spannung und die zu wenig vorbereitete Schlusswendung kosten Punkte. Sucy vergibt 3 von 5 Sternen.






