Der Händler – Teil 2: Dumm, so dumm

Titelbild

Auf dem Weg Richtung Norden bemerkten die drei weder die runtergekommenen Straßenzüge der Innenstadt noch den Müll.
Wer in Bochum-Westenfeld wohnte war einiges gewohnt. 
Wohin fahren wir genau? fragte Ibrahim, der in den letzten zehn Minuten nur Tarkans Wegweisungen gefolgt war.
Auch Belma schaute den in die Jahre gekommenen Türken fragend an. 
Wir fahren zu Jens, das ist der Chef von diesem Nazi-Club, zu dem die meisten Bochumer Nazis gehören.
Ich kenne ihn gut: Jens kauft oft Drogen für deren Partys bei mir. 
Belma grinste: Von DIR? 
Diese Mondkälber mussten noch dümmer sein als ihr Ruf vermuten ließ. 
Und das Beste ist, dass ich ihnen original türkischen Schnaps ohne Etikett verkaufe und sage, den würde eine deutsche Oma im Keller brennen. 

Die drei lachten.

Ibrahim steuerte gemäß Tarkans Anweisungen den klapperigen alten Bus in einen Innenhof am Stadtrand.

Vor einem runter gekommenen Haus stellte er den Wagen ab.
Ein verblasstes Schild prangte neben der Eingangstür: „German Sturmfront Bochum/Ruhrgebiet e.V.“ – sie waren am Ziel.
Tarkan sprang aus dem Wagen, als ihm der mutmaßliche Hausherr entgegenkam: Jens, der Club-Chef. 
Hey Kartoffel! rief Tarkan und schlug Jens freundschaftlich auf die Schulter.
Der zuckte kaum, da er um einiges größer und kräftiger war als Tarkan – dafür grinste er übers ganze Gesicht.
Die beiden gaben sich die Hand und Tarkan begann in einem leisen Ton von dem Vorfall an diesem Morgen zu berichten.

Jens rollte mit den Augen: Ich weiß davon, das waren die drei Hornochsen Ralf, Simon und Olaf. Sie kamen direkt nach dem Überfall zu mir, weil sie nicht wussten, was sie mit dem Stoff anstellen sollten. 
Tarkan lachte laut und sagte dann ganz leise: Du musst Dich echt um Deine Landsleute kümmern, die sind wirklich ausgesprochen dämlich! 

Jens schien verzweifelt.

Inzwischen waren Belma und Ibrahim dazu gekommen und hatten den letzten Satz mitbekommen. Sie schauten Jens an in Erwartung eines Wutausbruchs und dass sie sich als Ausländer hier nicht so aufspielen sollten.
Leicht geduckt standen Tarkan, Belma und Ibrahim im Halbkreis um Jens.
Dieser blickte erst wortlos in den Himmel, dann zu seiner Zuhörerschaft und sagte: Ich bin Däne. 
Tarkan lachte laut auf: Ich habe gerade verstanden, Jens sei Däne! 
Er kicherte.
Jens sah aus wie ein begossener Pudel, seufzte und wiederholte seine Worte.

Die drei begriffen, dass Jens es ernst meinte: 
Ich bin mit drei Jahren von Kopenhagen nach Deutschland gekommen. Hier in Bochum habe ich Sabine getroffen und mich total in sie verknallt. Sie war Mitglied in diesem Club der Vollidioten und um in ihrer Nähe zu sein, trat ich eben bei. Keiner merkte, dass ich kein Deutscher bin. 

Stille.

Dann leises Lachen, das zu einem wahren Schwall von lautem Gelächter anwuchs.
Alle vier schlugen sich auf die Schenkel, prusteten, johlten und gaben sich vollkommen ihrem ausgelassenen Lachanfall hin.
Als sie kaum noch Luft bekamen fragte Tarkan unvermittelt: Und wo ist der Stoff? 

Abrupte Stille.

Jens, der immer noch rot im Gesicht war und schwitzte erklärte dass er die drei Kilo bereits weiter gegeben hatte. Schließlich sei er kein Dealer und kenne sich mit diesem Zeug nicht aus: 
Wir hatten noch immense Catering-Schulden bei Giovanni, dem Vorstand des italienischen Kulturvereins. Ihr solltet das mal probieren: Er und seine Familie machen jedes Quartal die besten Bratwürste und den schmackhaftesten Kartoffelsalat für unser Vereinsfest. 

Belma, Ibrahim und Tarkan konnten nicht glauben, was sie da hörten. Nicht nur, dass der Chef des Nazi-Clubs ein Däne war, sogar das Catering, der Schnaps und die Drogen für die Partys wurden von Ausländern geliefert.
Ibrahim merkte an, dass Giovanni als Italiener eventuell zur sizilianischen Mafia gehören könnte und dann hätten sie ein gewaltiges Problem. Daran hatte Jens nicht gedacht.
Tarkan begann zu schwitzen, mit der Mafia wollte er nichts zu tun haben. Die schossen schneller als Belma und vor allem trafen sie manchmal.

Jens meinte, dass sie das nur rausfänden, wenn sie Giovanni fragten.
Also stiegen die beiden Bosnier, der Türke und der Däne in den Bus und machten sich voller Hoffnung auf den Weg zu dem Italiener. 

Fortsetzung folgt.

ZU TEIL 1 »Der Überfall«
ZUR KURZGESCHICHTE »Ein Rätsel in Saarbrücken«


ARD Panorama: Mein Nachbar ist Nazi
„Rechtsextreme drängen in kleine Dörfer – sie engagieren sich im Gemeinderat, in der Freiwilligen Feuerwehr und inszenieren sich als freundliche Kümmerer. Die Dorfgemeinschaften sind oft uneins, wie sie mit den Rechten umgehen sollen. Das zeigt ein Fall in Groß Krams in Mecklenburg-Vorpommern.“
HIER geht’s zum Beitrag.

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