Frauen für Frieden, Abrüstung und Freiheit

Interview Sucy Pretsch Frauenliga Frieden Ukraine Blog Magazin

+++ Interview mit der »Internationale[n] Frauenliga für Frieden und Freiheit« +++ Sind Frauen die besseren Friedensstifter? +++ Ein Gespräch über die schwere Aufgabe, gewaltfrei Veränderungen herbei zu führen.

Nennt sie Feministinnen, nennt sie Rebellinnen – in jedem Fall gibt es seit 1915 diese weibliche Perspektive auf die Welt: Die »Women’s International League for Peace and Freedom« (WILPF) ist eine internationale nichtstaatliche Organisation und die älteste internationale Frauen-Friedensorganisation der Welt. Das deutsche Komitee ist die »Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit« (IFFF) mit Sitz in Berlin.

Aber es nicht nur ein Blick. Es sind auch Taten. Die Frauen treten aktiv ein für Frieden, Freiheit, Menschenrechte und Abrüstung.

Ein paar Beispiele: Barbara Lochbihler von IFFF erhielt 2021 das Bundesverdienstkreuzes am Bande. Sie ist Vizepräsidentin im UN-Menschenrechtsausschuss gegen das Verschwindenlassen (CED). Um die Menschen zu erreichen, gibt es »Peace On Air – Der Podcast über Feminismus, Frieden und Sicherheit«. Außerdem erscheinen regelmäßig Publikationen, die aktuelle Themen aufgreifen, wie z.B. den Policy Brief »Wie militarisiert ist die deutsche Außenpolitik?«

Der Anlass, um mit Vertreterinnen der IFFF zu sprechen, war der Krieg in der Ukraine. Aber eigentlich hätte mir diese Organisation schon viel früher auffallen müssen, denn sie leisten Beeindruckendes.

Marieke Fröhlich (Ko-Vorsitzende) und Jennifer Menninger (Geschäftsführerin) haben mir Fragen beantwortet, die mir auf dem Herzen lagen.

SUCY: Als Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit steht die Frau im Fokus. Sind Frauen die besseren Friedensstifter oder brauchen sie einfach mehr Schutz?

»Friedensabkommen, die mit der Beteiligung von Frauen geschlossen werden, [halten] bewiesenermaßen besser und länger«

IFFF: Historisch betrachtet wurde die Frauenliga gegründet, um ein Ende des Ersten Weltkriegs zu erreichen und zugleich Forderungen für eine Zeit nach dem Krieg aufzustellen, um weitere Kriege zu vermeiden. Dazu gehörte auch die Überzeugung, dass Gleichberechtigung, Friedensbildung und weltweite Abrüstung notwendig sind, um weitere Kriege zu vermeiden. Die Frauenliga verknüpfte dementsprechend schon seit ihrer Gründung 1915 Geschlechtergerechtigkeit mit friedenspolitischen Forderungen, sie steht im Grunde schon seit damals für eine feministische (Außen-)Politik ein.

Unser Fokus auf Frauen heute heißt jedoch nicht, dass Frauen »naturgemäß« friedfertiger sind als Männer, sondern dass jede Form von Gewalt und Ungleichbehandlung beseitigt werden müssen, um echten, positiven Frieden zu erreichen. Im Kontext einer noch immer sehr patriarchalen Welt bedeutet dies insbesondere die Stärkung von Frauenpolitischen Themen, aber auch ein Kampf gegen die immer mit patriarchalen Machtstrukturen verknüpften Diskriminierungen wie Rassismus, Homophobie, Transfeindlichkeit, etc.

»Ziel der Frauenliga ist es, neben nachhaltigem Frieden, auch Freiheit […] für alle Menschen zu erreichen.«

Wichtig ist, dass auch die spezifische Situation von Frauen und andere strukturell diskriminierten Menschen in Notsituationen wie Krieg beachtet wird. Zum Beispiel kommen Frauen gesellschaftlich andere Verantwortung zu: wir wissen, dass der Großteil der Care Arbeit weltweit weiterhin von Frauen erledigt wird. Diese unterschiedlichen Rollen haben auch in Konfliktkontexten Einfluss darauf, wie Menschen von Krieg betroffen sind. Lange wurde das überhaupt nicht beachtet. Frauen sind z.B. im Krieg weiterhin für Schutzbedürftige verantwortlich, damit sozial anders eingebunden, meist besser vernetzt und haben auch ein besseres Verständnis wie für alle betroffenen Frieden geschlossen werden kann. Das ist ein Grund, weshalb Friedensabkommen, die mit der Beteiligung von Frauen geschlossen werden bewiesenermaßen besser und länger halten.

Aber Geschlechtergerechtigkeit bedeutet auch zu analysieren, dass Männer in Kriegen eher gezwungen werden zu kämpfen (wie bspw. in Russland und der Ukraine), Frauen aber von schrecklicher Gewalt, wie sexualisierter Gewalt, auch noch sehr lange nach der Beendigung eines Krieges betroffen sind. Ganz klar ist es also wichtig auf die geschlechterspezifischen Auswirkungen von Krieg und Flucht aufmerksam zu machen, was nicht heißt Frauen nur als Opfer darzustellen. Ziel der Frauenliga ist es, neben nachhaltigem Frieden, auch Freiheit im Sinne von Rechten und Handlungsmacht, für alle Menschen zu erreichen.

www.wilpf.de

»Jeder Krieg hat einen anderen Kontext.«

SUCY: Angesichts der aktuellen Lage in der Ukraine und dem Rückgang der Demokratien in der Welt: Stehen Sie heute vor dem Scherbenhaufen Ihrer Arbeit der letzten Jahrzehnte?

IFFF: Nein. Der Angriffskrieg auf die Ukraine ist schrecklich und erschütternd. Sehr viele Menschen und Expert*innen hatten gedacht oder wenigstens gehofft, dass die Friedensstrukturen in Europa stärker sind als einzelne Machthaber.

Aber wir als WILPF arbeiten schon mehr als 100 Jahre daran, die Ursachen von Krieg und Gewalt zu analysieren, Gegenmaßnahmen zu entwickeln und gemeinsam mit Partner*innen umzusetzen. Jeder Krieg hat einen anderen Kontext, aber aus einer objektiven Sicht, haben Kriege und bewaffnete Konflikte oft ähnliche Ursachen, gegen die wir weltweit etwas unternehmen können.

Der Rückgang von Demokratien und die Einschränkung von Rechten ist bspw. ein wichtiger Faktor, der zu mehr Gewalt beiträgt. Dennoch sehen wir auch, dass es immer noch viele Menschen, insbesondere Frauen und Minderheiten, auf der Welt gibt, die sich für Menschenrechte und demokratische Beteiligungsprozesse einsetzen. Unsere Arbeit konzentriert sich drauf, sich mit ihnen zu solidarisieren und gemeinsam, solidarisch gewaltfrei Veränderungen herbeizuführen.

»Viele Menschen in der Ukraine widersetzen sich aus Überzeugung auch ohne Waffen den Angreifern«

SUCY: Wie kann es aus Ihrer Sicht gelingen, den Frieden in Europa wieder herzustellen?

IFFF: Der Angriff seitens der russischen Regierung auf die Ukraine ist völkerrechtswidrig, so besagt es die UN-Charta. Wir verurteilen ihn scharf! Die Ukraine hat nach internationalem Recht auch klar ein Recht auf Selbstverteidigung. Diese darf militärische Mittel beinhalten, aber viele Menschen in der Ukraine widersetzen sich bspw. aus Überzeugung auch ohne Waffen den Angreifern, was leider kaum Raum hat in der derzeitigen Berichterstattung.

Zentral ist, dass auch mit Diplomatie daran gearbeitet wird einen Waffenstillstand und Schutz der Zivilbevölkerung zu verhandeln. Die jüngst berichtete von schrecklichen Kriegsverbrechen sind schwer zu ertragen und müssen unbedingt geahndet werden. Es ist auch wichtig, dass andere Staaten die Ukraine unterstützen und gegen Russland, bspw. mit Sanktionen vorgehen.

»[Es ist] auch zentral, dass Frauen bei den Friedensgesprächen beteiligt sind.«

Grundsätzlich ist es auch zentral, dass Frauen bei den Friedensgesprächen beteiligt sind. Insbesondere in einem Friedensprozess muss auch die ukrainische Zivilbevölkerung, einschließlich Frauen, jüngeren Generationen und Minderheiten, beteiligt werden, einerseits um mehr Akzeptanz zu erreichen aber andererseits auch aufgrund von schon langen bestehenden internationalen Regeln. Das ist auch einer der Grundpfeiler der UNO Resolution 1325, die vor über 20 Jahren einstimmig von der UNO Vollversammlung beschlossen wurde. Es ist zentral, dass Entscheidungsträger*innen ihrer Verantwortung nachkommen und diese Resolution umsetzen, etwa durch die Beteiligung von Frauen und Minderheiten an Friedensverhandlungen.

SUCY: Eines der zentralen Ziele der IFFF ist die Abrüstung. Nun sieht es aus, als seien wir auf dem Weg in eine Aufrüstungsspirale. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

IFFF: Die Entwicklung ist sehr besorgniserregend. Nur mit Abrüstung, Diplomatie und vertrauensbildenden Maßnahmen können Staaten langfristig Feindbilder abbauen und ihre Ressourcen für andere Zwecke, wie der Bekämpfung von Armut und dem Ausbau bspw. von Antidiskriminierungsmaßnahmen und erneuerbarer Energien, verwenden.

Das Sondervermögen von 100 Milliarden für die Bundeswehr ist aus unserer Sicht eine Fehlentscheidung. Deutschland verfügt bereits über den siebtgrößten Militäretat weltweit. Daher ist die schlechte Ausrüstung der Bundeswehr ein strukturelles Problem. Die von Scholz angekündigte Anschaffung von bewaffneten Drohnen in diesem Zusammenhang ist sehr alarmierend, da wir wissen, dass die Zivilbevölkerung durch den Einsatz von Drohnen in Afghanistan und Bergkarabach sehr viel Leid erfahren hat.

»Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, dass der Besitz von Atomwaffen ein großes Risiko für die gesamte Menschheit darstellt.«

Ebenso sind wir gegen eine Anschaffung von neuen Trägersystemen für die US-Atombomben in Büchel. Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, dass der Besitz von Atomwaffen ein großes Risiko für die gesamte Menschheit darstellt und wir alle ohne Atomwaffen in einer sicheren Welt leben würden.

Auch Teile der deklarierten feministischen Außenpolitik scheinen im Rahmen der Aufrüstungspolitik in Frage gestellt zu sein, was wir sehr bedauern. Denn zentral für eine feministische Praxis von Außenpolitik ist nicht nur auf staatsbezogene Sicherheit zu achten. Militarisierung von Politik, auch der deutschen (Außen-)politik, wirkt langfristig Frieden und Gerechtigkeit entgegen, denn militärische Stärke kann weder grundsätzlich die Sicherheit von Menschen oder die Einhaltung von Menschenrechten garantieren. Im Gegenteil: Militarismus als politische Agenda trägt wesentlich zu Nationalismus und verschränkten Unterdrückungsmechanismen bei. Dies sind Gewaltformen, die sich insbesondere auf schon marginalisierte Personen auswirken – Frauen, LGBTIQ, von Rassismus betroffene Menschen. Machtpolitik und Aufrüstungsspiralen sind daher unvereinbar mit feministischen Ansätzen.

SUCY: Auf der einen Seite gehen viele Menschen gegen den Krieg auf die Straße. Andererseits ist eine große Mehrheit der Deutschen für die geplanten Investitionen in die Bundeswehr. Sehen Sie darin einen Widerspruch und falls ja: Wie erklären Sie sich das? 

IFFF: Der Angriff auf die Ukraine, ein Angriffskrieg so nah an Deutschland und dem NATO-Gebiet sowie die Unberechenbarkeit von Putin machen vielen Menschen Angst. Sie wünschen sich, vom Staat vor Krieg und Gewalt beschützt zu werden. Das ist verständlich, denn der politische Diskurs in Deutschland scheint noch sehr durch die Logik des kalten Krieges und patriarchalen Denkstrukturen bestimmt, in der nur militärische (Über-)Macht und Drohgebärden Sicherheit versprechen zu scheinen.

»Die große Solidarität mit Menschen in der Ukraine ist ein wichtiges Zeichen.«

Gleichzeitig erhoffen sich viele einen Waffenstillstand, besonders bevor der Krieg sich auf weitere Länder in Europa, also auch auf NATO-Gebiet, ausbreitet. Vor dem Angriffskrieg war jedoch noch die Mehrheit der Menschen gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, und stellten sich somit gegen eine Militarisierung von Politik und für Diplomatie. Die große Solidarität mit Menschen in der Ukraine ist ein wichtiges Zeichen, auch für ein grundsätzlich friedliches Europa und eine friedliche Welt. Darum geht es den Menschen ja, wenn sie auf die Straße gehen: Frieden und Solidarität. Deshalb ist es nun auch so wichtig, sich nicht auf eine Militarisierung unserer Gesellschaft und Politik einzulassen und klar zu zeigen, dass mehr Militär nicht mehr Frieden für alle Menschen bedeutet.

SUCY: Sie erfüllen als IFFF eine Mammutaufgabe mit Zielen, die heutzutage beinahe unerreichbar scheinen. Verlieren Sie nie den Mut?

IFFF: Unsere Mitglieder verstehen es als ihre Aufgabe, sich mit Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt auseinanderzusetzen, um besser zu verstehen, wie wir eine friedlichere und gerechtere Welt zusammen gestalten können. Das kann durchaus sehr kräftezehrend sein und es ist ganz wichtig, dass sich jedes Mitglied Zeit für Auszeiten nimmt, um nicht auszubrennen.

»Die Internationale Frauenliga ist in über 40 Ländern mit nationalen, lokalen und regionalen Gruppen aktiv.«

Doch  unsere Arbeit, die wir als eine Gemeinschaftsarbeit begreifen, ist auch sehr motivierend und erfüllend. Ein zentraler Wert in allen Kämpfen gegen Diskriminierung, Krieg und Ausgrenzung ist Solidarität und Gemeinschaft. Dieses Engagement findet nicht nur in unserer deutschen Sektion, sondern weltweit statt: die Internationale Frauenliga ist in über 40 Ländern mit nationalen, lokalen und regionalen Gruppen aktiv und arbeitet immer auch gemeinsam auf internationaler Ebene, bspw. bei der UN.

Wir haben dadurch weltweit zusammen mit unseren Netzwerken und Bündnissen, aber auch in Deutschland schon viele große Erfolge erzielt. Es ist u.a. unseren Vorreiter*innen bei WILPF zu verdanken, dass Geschlechtergerechtigkeit durch diverse UNO Resolutionen auch in Konfliktkontexten und bei Friedensbildung immer mitgedacht werden müssen.

Da unsere Mitgliedschaft viele verschiedene Generationen und Weltregionen miteinschließt, können wir voneinander lernen und so auf Erfolgen aufbauen, die für uns teilweise selbstverständlich geworden sind. Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu sein, dass die Freiheiten und der Frieden in hier auch dank dem Engagement von feministischen Organisationen und Aktivist*innen erreicht wurde. Es ist unsere Aufgabe sich dafür einzusetzen, dass wir solidarisch miteinander sind, kein Zurückrollen von Rechten und Fortschritten zulassen und perspektivisch weiter gemeinsam für mehr Frieden und Gerechtigkeit einstehen.

SUCY: Vielen Dank.


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