Der Händler – Teil 3: Ehrenwerte Russen

Titelbild

Es war inzwischen Mittag, die Sonne stand hoch und tat ihr Bestes, diesem jungen Frühlingstag ein hübsches Kleid zu schenken. Sie schaffte es nicht, dem tristen Grau der Stadt einen lebendigeren Farbton zu verleihen, doch das bemerkten die vier im Bus ohnehin nicht.

Jens leitete Ibrahim wieder zurück ans andere Ende von Bochum, ein kleiner Stau sorgte für eine kurzzeitige Unruhe unter den Fahrgästen, doch schließlich gelangten sie zum Gebäude des italienischen Kulturvereins, eine grün-weiß-rote Flagge wehte auffällig über dem Eingang. Hier waren sie jedenfalls richtig, nun mussten sie nur noch Giovanni finden.

Sie brauchten nicht lange suchen, denn an einem kleinen Tisch unter einer Zypresse saß ein kleiner Mann mit einem Espresso in der Hand. Er winkte der Gruppe zu und rief: 
Jens, alte Kartoffel! 
Offenbar dachte auch Giovanni, dass Jens ein Deutscher sei.
Giovanni gab allen einzeln die Hand und hieß sie beim Kulturverein herzlich willkommen. Dann zupfte er sich seinen ordentlich gestutzten Bart zurecht, richtete die Krawatte und fragte Jens: 
Was kann ich für Dich tun, alter Freund? 
Jens erklärte die ungemütliche Lage, erwähnte dabei auch, dass er Däne sei, erzählte von Sabine und den Hohlköpfen, die Ibrahim überfallen hatten. Zuletzt bat er um die drei Kilo Kokain – dies sei aber nur nötig, falls er nicht zur Mafia gehöre.

Giovanni hatte schon die ganze Zeit ein breites Grinsen im Gesicht, seine gepflegten weißen Zähne schienen vom einen Ohr zum anderen zu reichen. Er machte ein Kreuz in die Luft, murmelte Heilige Maria Mutter Gottes! und legte Jens die Hand auf die Schulter. 
Mach Dir keine Sorgen, ich gehöre nicht zur Mafia. Aber Deine Drogen habe ich nicht mehr. 

Die vier stöhnten laut auf, das konnte doch nicht wahr sein! Sie fluchten und schimpften wild durcheinander, und an allem waren nur die Hosenkacker der „German Sturmfront Bochum/Ruhrgebiet e.V.“ Schuld.
Belma kamen die Tränen, sie dachte bei sich, dass sie die Deppen hätte erschießen sollen, als sie die Gelegenheit dazu hatte.
Ibrahim und Tarkan diskutierten über klügere Wege, um das Kokain an den Mann zu bringen und vor allem, wie man es im Kiosk-Lager geschickter verstecken könnte: Es sollte nie wieder jemand aus Versehen drüber stolpern.

Giovanni hörte der schwatzenden Runde ein paar Minuten zu und sagte dann: 
Ich habe das Zeug einem Russen verkauft und wir könnten Igor fragen, ob er es noch hat. 
Er hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit der anderen, die ihn erwartungsvoll ansahen.
Jens sagte als erster etwas: Hoffentlich gehört er nicht zur russischen Mafia! 
Giovanni überlegte kurz: Das kann ich nicht versprechen, aber wenn wir uns nicht beeilen, wird sich das Koks schon munter über die Stadt verteilt haben. 

Zu fünft stiegen sie eilig in Ibrahims Bus und machten sich auf den Weg in den Westen der Stadt, wo Igor lebte.

Giovanni, der den Russen als einziger kannte, versuchte von unterwegs aus, ihn anzurufen, um das Schlimmste eventuell noch verhindern zu können, erreichte aber nur die Mailbox: Hör zu, Du russischer Zar, die Tulpenlieferung von heute Mittag ist welk. Melde Dich! 

Die anderen schauten Giovanni bewundernd an, das war ja richtige Drogendealer-Geheimsprache gewesen!
Sie wollten unbedingt wissen, wie man sich so geheimnisvoll ausdrücken konnte.
Der Italiener fühlte sich geschmeichelt und gab während der Fahrt praktische Tipps, wie man sich unauffällig verhielt am Telefon. Keinesfalls sollte man in der Muttersprache reden, das würde heutzutage sogar die Polizei verstehen. Alle nickten, einige machten sich Notizen.

Ibrahim bog mit quietschenden Reifen um die Kurve und hätte um ein Haar einen großen schlanken Mann überfahren. Er stieg in die Eisen und kam gerade noch rechtzeitig zum Stehen.
Der große schlanke Mann blinzelte mit den Augen, offenbar versuchte er zu erkennen, wer da am Steuer saß. Als er Giovanni in der Mitte der Gruppe sitzen sah, winkte er: Giovanni! Komm raus, Du alter Bandit! 

Sie hatten den Russen gefunden.
Die fünf Verbündeten stiegen aus und umringten Igor, der Giovanni auf herzliche Art umarmte. Dann schaute nach links und rechts, musterte Belma, Ibrahim, Tarkan, Jens und Giovanni, beugte sich dann leicht nach vorne und flüsterte geheimnisvoll: Hab’ eben Deinen Text auf der Mailbox gehört. Pass auf, der Russe ist nur Tarnung. Ich heiße Richy Krune und komme ursprünglich aus Ost-Berlin. Als ich nach Bochum kam wollte ich furchterregend wirken und gab mir den Namen „Igor“ samt der russischen Identität. Und was soll ich sagen: funzt! 

Er kicherte und zwinkerte den fünf Besuchern zu.
Dann drehte er sich um und meinte im Weggehen: Aber keinem was sagen, alles klar!? Und was Eure Drogen angeht, Ihr seid zu spät! Hab’ einen Tipp bekommen: Ein Kumpel kennt jemanden, der jemanden kennt und mir ziemlich sicher alles abnimmt. Dem habe ich das Angebot bereits auf seiner Mailbox hinterlassen. Und da ich ein ehrenwerter Mann bin, kann ich da keinen Rückzieher machen. 

Verdutzt schauten unsere Drogenjäger dem Russen nach, der kein Russe war. Jens schlug sich verzweifelt die Hand gegen die Stirn.
Belma und Ibrahim fluchten auf bosnisch, Tarkan zündete sich eine Zigarre an und Giovanni trat gegen Steine.
Es war alles umsonst gewesen, reine Zeitverschwendung und von Anfang an hoffnungslos. Sie waren etwa drei Minuten an Ort und Stelle stehen geblieben, als Ibrahims Handy kurz klingelte. Er verdrehte genervt die Augen, im Moment hatte er nicht die geringste Lust, mit jemandem zu sprechen.
Er sah auf das Display und erkannte, dass es eine Nachricht seiner Mailbox war. Unwillig begann er, sie abzuhören. Er wünschte sich jetzt nämlich nichts mehr, als eine Flasche guten bosnischen Wein und einen schönen alten italienischen Western im Fernsehen.
Am anderen Ende hörte Ibrahim eine Stimme auf Band, die ihm bekannt vorkam: 
Hier ist Igor, ein Kumpel von einem Kumpel hat mir Deine Nummer gegeben. Habe gute Ware, am Kauf interessiert? 

Ibrahim stutzte zunächst. Dann grinste er.
Schließlich musste er laut lachen und sagte: Ehrenwerte Russen sind mir die Liebsten!

Ende

ZU TEIL 1 »Der Überfall«
ZU TEIL 2 »Dumm, so dumm«

ZUR KURZGESCHICHTE »Ein Rätsel in Saarbrücken«

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