KRIMI-KAPITEL 6 • Ärzte auf dem Dach

Fritzi und Serina kamen vor dem Ausgang des Impfzentrums zum Stehen. Hier hielten sie inne, inmitten von Menschen, die alle wegen des Feueralarms vor die Tür gekommen waren. Irgendwie wusste niemand was nun zu tun sei. Das galt auch für die beiden Frauen, die abgehetzt und außer Atem waren und immer wieder besorgt und suchend ihre Blicke umherschweifen ließen. 
Sie waren ihren Verfolger offenbar losgeworden. 

„Da sind ja meine Lieblingsverdächtigen!“
Mitten aus der Menschenmenge waren die beiden Kommissare aufgetaucht, die vor ein paar Tagen beim Fund der Leichenteile die Ermittlungen aufgenommen und Fritzi schon zuvor verdächtigt hatten.
„Sind Sie immer noch nicht schlauer?“ fragte Fritzi angriffslustig. 
„Serina Sander nehme ich an?“ Der jüngere der beiden Polizisten ignorierte Fritzis unverschämte Frage und schaute Serina prüfend in die Augen. 
„Und wenn?“ fragte sie selbstbewusst. 
„Falls Sie daran denken, sich erneut zu verdrücken, können Sie das vergessen. Niemand kann sich vor uns verstecken. Wir werden Sie überall finden. Dafür haben wir unsere ganz eigenen Methoden.“ Der Kommissar stand jetzt mit geradem Rücken und schaute ernst, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. 
„Ich habe nichts getan, Sie Möchtegern-FBI-Agent!“ Serina schaute den Kommissar herausfordernd an.

Bevor der Polizist etwas sagen konnte, hörten sie einen gellenden Schrei. Alle, die in der Nähe standen, drehten sich erschrocken um und suchten nach der Quelle des Gekreisches. 

Inmitten der umherstehenden Menschen war eine kleine rothaarige Frau in einem konservativ anmutenden dunklen Kostüm und weißer Bluse zu sehen. Sie zeigte mit dem Finger nach oben und rief dabei etwas, das Fritzi zunächst nicht richtig verstehen konnte. Die Stimme der kleinen Frau überschlug sich.

„Da! Da oben! Der Mann!“
Da? Da oben? Welcher Mann?

Fritzi konnte niemanden sehen, also trat sie ein paar Schritte nach vorne. Serina und die Polizisten taten es ihr gleich. Dann erkannten sie den Grund des Schreis:
Auf dem Dach des Impfzentrums stand ein Mensch. Genauer gesagt ein Mann. Er machte den Eindruck als wolle er sich gleich hinunterstürzen, so nah stand er am Rand des zehnstöckigen Hauses.

„Grundgütiger!“ entfuhr es dem älteren Kommissar, „Lou! Sofort mitkommen!“
Der Jüngere fühlte sich angesprochen und folgte dem davoneilenden Kollegen.
Er bedachte Serina noch mit einem bedeutungsvollen Blick, zeigte mit dem Finger auf sie, nickte und war kurz darauf im Inneren des Impfzentrums verschwunden.

Fritzi starrte immer noch nach oben. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. 

„Ist das Professor Truschinski?“

„Prof Trusch?“ fragte Serina ungläubig. 
„Truschi? Mister Wie-kann-ich-den-Prozess-verbessern Truschinski? Der Oberboss?“  
Fritzi nickte nur.
Serina erkannte nun ebenfalls die Person, die da oben stand und einfach nur nach unten schaute. Unbeweglich. Schweigend. 
Zu nah am Rand des Flachdachs, als dass es ein beschwingter Ausflug sein könnte, um die Aussicht zu genießen. 
Zu ernst schien seine Miene, als dass es sich um einen Scherz handeln könnte.
Auch wenn man aufgrund der Höhe des Hauses das Mienenspiel nur schwer erkennen konnte, war sein Ansinnen eindeutig: Er überlegte, zu springen. 

„Tun Sie es nicht!“ rief die kleine Frau im dunklen Kostüm. 
„Das Leben ist lebenswert! Auch du kannst dich zu einem höheren göttlichen Wesen entwickeln und ewig leben im himmlischen Königreich!“
„Ach halt‘ die Schnauze!“ fuhr sie ein Mann an, der direkt neben ihr stand und ebenfalls unentwegt nach oben schaute. 
„Dein dämliches Mormonen-Gequatsche ist wahrscheinlich der Grund für seine Todeslust!“
„Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ korrigierte ihn die Frau.
„Sag‘ ich doch: Mormonen-Gequatsche.“

Ein älterer Herr mit grüner Trachtenjacke und Jagdhut hob den Zeigefinger und erklärte den Umherstehenden: „Der Sturz aus der Höhe ist nach Erhängen und Selbstvergiftung mit Medikamenten die dritthäufigste Suizidmethode.“

„Jetzt seid doch alle mal still!“ rief ein junges Mädchen, das weiter hinten stand.  
„Der Mann will uns vielleicht was mitteilen.“

Die gesamte Menschenmenge rührte sich nicht und starrte schweigend und erwartungsvoll nach oben. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Professor Truschinski machte eine leichte Seitwärtsbewegung, die Menschen am Boden hielten die Luft an. 
Er schaute in den blauen Himmel und schwieg. 
Er schaute wieder in die Tiefe und sagte immer noch nichts.

Fritzi drehte sich zu Serina: „Was ist hier los? Wieso will sich der Boss umbringen? Und wieso hindert ihn niemand daran? Ich könnte…“

Weiter kam Fritzi nicht. Das dumpfe Geräusch eines Aufpralls unterbrach sie mitten im Satz. Nur einen Meter von ihr entfernt war Professor Truschinski auf den Asphalt aufgeschlagen.  

Fritzi spürte warmes Blut in ihrem Gesicht, sie hatte einige Spritzer abbekommen. Erst stand sie einige Sekunden unbeweglich da, die Augen weit aufgerissen vor Schreck. Dann wendete sie sich langsam nach rechts, wo sie am Boden die Leiche Professor Truschinskis liegen sah. 

Sein Körper sah ziemlich übel zugerichtet aus, platt wie eine Flunder lag er da.
Die Erdanziehung hatte den Mediziner gnadenlos auf den Betonboden gezogen und ihn beim Aufprall zerschmettert. Offenbar waren in erheblichem Maße Knochen gebrochen, denn dunkles Blut kroch langsam aus offenen Wunden. 
Der Schädel war aufgeplatzt und blutige Gehirnmasse trat aus, die sich mit kleinen umherliegenden Kieseln langsam zu einem ekelerregenden Brei vermischte.

Fritzi schloss die Augen. Sie musste an Pfannkuchen mit süßer Johannisbeersoße denken. Mit einem Schuss Sahne.

Sie öffnete die Augen und sah Captain America dicht vor ihr stehen.
„Keinen Mucks!“ sagte er. Seine Stimme klang auf beunruhigende Weise bedrohlich. Seine Augen jedoch blickten sie im Gegensatz dazu freundlich an. Fritzi konnte sich diesen Widerspruch nicht erklären. 
Sie schaute zu dem Ort, wo noch vor ein paar Sekunden Serina gestanden hatte. Da war niemand mehr. Fritzi suchte um sich herum, konnte ihre Kollegin aber nicht entdecken.
„Du bleibst jetzt genau hier stehen, während ich mich um deine Freundin kümmere!“ sagte Adrian. Die stahlblauen Captain America-Augen wurden jetzt doch finster. 
Fritzi sagte nichts und bewegte sich auch nicht. Niemand bemerkte ihr leises Tête-à-Tête: Alle waren damit beschäftigt, sich vor Professor Truschinskis Leiche zu ekeln.

„Halt‘ dich aus Dingen raus, die dich nichts angehen.“ Adrian machte noch einen weiteren Schritt auf Fritzi zu, sodass sie sich jetzt beinahe berührten.
„Ich hab‘ es dir schon einmal gesagt und ich sage es dir noch mal: Der Tod ist näher als du denkst. Und gerade eben ist er nur einen Meter von dir entfernt.“
Er stupste sie leicht an der Schulter. Wie eine eindringliche Warnung kam ihr das vor, wie eine äußerst nachdrückliche Mahnung, die Füße still zu halten.

Adrian war davon gegangen ohne ein weiteres Wort zu sagen. Und ohne ihr einen weiteren Blick zu schenken. 
Fritzi rieb sich die Stelle, an der er sie gestupst hatte. Sie sollte sich also aus allem raushalten? Sich nicht weiter einmischen? Sie lächelte.
Das kannste vergessen, mein Freund.

Fortsetzung folgt…

» ZUR SPOTIFY-PLAYLIST
» ZU KAPITEL 1 • Der neue Job im Impfzentrum
» ZU KAPITEL 2 • Der Verdacht
» ZU KAPITEL 3 • Schlechte Witze
» ZU KAPITEL 4 • Ein bisschen wie Tinder
» ZU KAPITEL 5 • Giftspritze

[Para Graciela,
porque brilla como el sol!]

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