KRIMI-KAPITEL 5 • Giftspritze

Der Tod ist näher als du denkst

Fritzi schüttelte den Kopf. Das war nicht möglich, er konnte nicht das Opfer sein. Das hätte man früher bemerken müssen! 
Noah stupste sie: „Was denkst du?“
Fritzi zuckte mit den Schultern und meinte: „Wieso hat das hier im Impfzentrum niemand bemerkt? Der Kopf dieser Person lag in meinem Spind, alle haben ihn angesehen. Und nun will ihn niemand erkannt haben?“ Gerade holte Noah Luft um zu antworten, als der Leiter der Impfärzte mit kalkweißem Gesicht aus seiner Behandlungszelle stürzte und losrannte. Drei seiner Kollegen hetzten hinter ihm her. 
Noahs Diensthandy klingelte, er nahm ab. Lauschte nur. 
Er riss die Augen auf und stammelte: „Oh mein Gott!“. Dann stürmte er davon und ließ Fritzi ohne ein weiteres Wort stehen.

Hier ist gehörig was schiefgelaufen und ich will wissen was. 
Mit diesen Gedanken spurtete Fritzi den anderen hinterher. Vor dem Sanitätsraum kam sie zum Stehen, denn davor hatte sich eine Menschentraube gebildet, darunter auch Noah. Er sah besorgt aus, runzelte die Stirn. Immer wieder schaute er sich nervös um als würde er hoffen, dass niemand die Vorfälle bemerken würde. 

Langsam näherte sich Fritzi der Gruppe. Sie konnte dem undeutlichen Stimmengewirr zunächst nicht viel entnehmen – nur ein Wort drang immer wieder wie ein verheerendes und unerbittliches Echo an ihr Ohr: Gift! 
Gift?
Fritzi zuckte zusammen. 
Sie versuchte, einen Blick in den Sani-Raum zu werfen. Sie streckte sich, hüpfte, stellte sich auf die Zehenspitzen. 
Auf den Krankenliegen konnte sie mehrere Personen sehen, die sich offenbar vor Schmerzen wanden. Es sah aus, als ließen unkontrollierte Muskelkontraktionen die Menschen sich aufbäumen, um sie dann schlagartig und erbarmungslos zurück auf die Liege zu peitschen. Krämpfe schienen die Kontrolle über die Körper zu haben. Die Menschen stöhnten, weinten. 

Eiskalt lief es Fritzi über den Rücken. War hier tatsächlich jemand vergiftet worden? 
Unwillkürlich machte sie ein paar Schritte zurück und trat dabei jemandem auf den Fuß, ein „Autsch!“ wurde ihr ins Ohr geraunzt. 
Hinter ihr stand Pierre. Er schien zu grinsen. Fritzi hatte mittlerweile gelernt, trotz der Maske die Mimik eines Menschen zu erkennen und die Mimik von Pierre zeigte eindeutig ein Lächeln. 
„Hab’s schon gehört“, sagte er, „Jemand hat Impfspritzen mit irgendetwas Toxischem aufgezogen. Jetzt gibt’s ein paar unerwünschte Nebenwirkungen! Lass das mal nicht die Impfgegner hören, ein gefundenes Fressen für die!“ Dann lachte er laut und schlenderte wie so oft einfach von dannen. Fritzi schaute ihm wortlos nach.  

In diesem Moment kamen einige Notfallsanitäter um die Ecke und drängten in den Raum, um die anwesenden Ärzte zu unterstützen.

„Ich löse dich ab, schönen Feierabend!“ 
Die kleine Steffi hatte das gesagt. Fritzi erinnerte sich an sie: Sie hatte an ihrem ersten Arbeitstag vor Schreck in einen Mülleimer gekotzt, als man den Kopf eines Toten in Fritzis Spind gefunden hatte. Sie stellte sich vor, wie widerwärtig es für die Putzfrau gewesen sein musste, den stinkenden Eimer voller herausgewürgter Speisereste und anderweitigem Mageninhalt zu finden. An jenem Tag hatte es in der Kantine Karottenkuchen gegeben. Vielleicht waren im Ausgespuckten kleine unzerkaute ranzige Möhrenstückchen zu sehen gewesen? Fritzi war froh, dass es nicht ihre Aufgabe gewesen war, diesen Eimer zu putzen.  
Putzen?
Der Putzraum! 
Serina Sander! 

„Danke Steffi!“ sagte Fritzi noch, während sie schon auf den Absätzen umgedreht hatte, um in Richtung des kleinen Putzraums zu eilen, indem sie vor kurzem diese seltsame Serina versteckt hatte.

Was hatte sie gleich noch gesagt? Jemand sei hinter ihr her? 
Andererseits war sie auch eine Verdächtige, die vielleicht den Toten auf dem Gewissen hatte. Immerhin war ein Zettel mit ihrem Namen bei ihm gefunden worden.  

Fritzi kam nicht weit, denn plötzlich ertönte ein schriller Alarm in der Halle. Eine mechanische männliche Stimme war zu hören:

„Bitte verlassen Sie umgehend das Gebäude. Dies ist keine Übung.“

Fritzi blieb stehen, drehte sich um und sah, dass die Notfallsanitäter die offenbar vergifteten Menschen im Laufschritt auf Tragen hinausbrachten, um sie ins Krankenhaus zu transportieren. Und nun sollte zur Sicherheit das Impfzentrum geräumt werden. 
Jetzt wird hier nicht nur ein Mörder gesucht, sondern außerdem ein Giftpanscher. Oder handelte es sich hierbei um ein und dieselbe Person? 
Und was hat Serina Sander mit dieser ganzen Sache zu tun?

Fritzi hatte keine Zeit zum Grübeln, sie musste sich beeilen, denn Ärzte, Pfleger, Impflinge und Kollegen kamen ihr auf dem Flur entgegen. Manche wispernd, andere laut diskutierend, einige ängstlich. 
Sie schlängelte sich zwischen den Menschen hindurch und fühlte sich dabei wie ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt.

Völlig außer Atem kam sie vor dem kleinen Lagerraum an und öffnete mit einem hastigen Griff die Tür.
„Serina?“
Fritzi machte einen Schritt in den Raum. Es war niemand darin. Sie schaute sich um, aber auch hinter dem Regal und unter dem Tisch war keine Serina zu sehen. Fritzi schnaufte und stemmte die Hände in die Hüften. 

„Suchst du mich?“ 
Neben Fritzi war Serina aufgetaucht. Sie sah inzwischen gar nicht mehr so verwahrlost und verschwitzt aus wie noch heute Mittag.
„Ich war auf der Toilette, musste mich frisch machen. Meine Frisur sah zum Fürchten aus.“ Serina fuhr sich mit der Hand durch die langen dunklen Haare, die inzwischen gekämmt und in Form gebracht waren. 
„Komm mit, wir müssen hier weg. Hörst du den Alarm nicht?“
„Sicher nur ein Fehlalarm. Bestimmt hat irgendein dusseliger Impfling mal wieder eine Brandschutztür geöffnet.“
Fritzi packte Serina am Arm und zog sie ungeduldig hinter sich her: „Du musst mir einiges erklären!“
Serina wehrte sich nicht und folgte ihrer Kollegin mehr stolpernd als gehend. 

Nach wenigen Schritten blieb Serina jedoch unvermittelt wieder stehen. Fritzi wurde auf unliebsame Art ausgebremst: „Was ist denn jetzt schon wieder?“
Serina starrte auf etwas. Fritzi folgte ihrem Blick, der auf einer Gruppe von drei Männern ruhte, die etwa fünfzehn Meter entfernt standen und in ein Gespräch vertieft zu sein schienen.
„Da sind sie, ich muss hier weg. Die bringen mich um!“
Serinas Stimme zitterte.
Fritzis Blick wanderte wieder zurück zu den drei Männern. Sie erkannte sofort, wen ihre Kollegin meinte: „Das soll wohl ein Witz sein!?“ 
„Oh nein, das ist kein Witz. Ich habe alles gesehen und die wissen das!“ Bei diesen Worten zeigte Serina auf die Personen, die ihr offensichtlich Angst machten. 
 „Dann weißt du wer der Tote ist?“
„Natürlich weiß ich das.“

In diesem Moment drehte sich einer der Männer um und entdeckte Serina und Fritzi. Sein Blick verdunkelte sich. Er kam langsam auf die beiden Frauen zu. Die machten erst erschrocken ein paar Schritte rückwärts, bevor sie schließlich umdrehten und in die andere Richtung rannten. 

„Wartet!“ rief eine männliche Stimme hinter ihnen her. 
„Wartet, oder ich…“

Fortsetzung folgt...

» ZUR SPOTIFY-PLAYLIST
» ZU KAPITEL 1 • Der neue Job im Impfzentrum
» ZU KAPITEL 2 • Der Verdacht
» ZU KAPITEL 3 • Schlechte Witze
» ZU KAPITEL 4 • Ein bisschen wie Tinder
» ZU KAPITEL 6 • Ärzte auf dem Dach

[Für Wladimir,
der seine
Mitarbeiter unerbittlich ohne Pause schuften lässt – und doch eine Inspiration ist!]

Du magst vielleicht auch

5 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.