Die Saftschubse

Flugbegleiterin im Interview

+++ Interview mit Flugbegleiterin Steffi Kessler +++ Was an den Passagieren nervt und was sie zu Flight Shaming sagt +++

Konrad Duden veröffentlichte 1880 das erste Rechtschreib-Wörterbuch. Im Jahr 2004 wurde das Wort Saft|schub|se, die – Gebrauch: diskriminierend aufgenommen. Man könnte auch »Trolley-Dolly«, »Notrutsche« oder »Luftkellner« sagen. Steffi ist es egal: »Mir ist es gleich was man sagt. Flight Attendant bzw. Flugbegleiter ist die offizielle Berufsbezeichnung.«

Dass der erste Flugbegleiter ein Mann war, wissen wohl die wenigsten. Auch, dass anfangs ausschließlich Männer als »Cabin Boys« eingestellt wurden. Das änderte sich, als der Erste Weltkrieg ausbrach und man Männer zum Wehrdienst eingezog. Eine examinierte Krankenschwester war dann die erste Frau, die bei Boeing Air Transport in San Francisco den Job als »Hostess der Lüfte« antrat.

Seitdem hat der Beruf einen beeindruckenden Wandel durchlebt: In den 1950er Jahren musste weibliches Kabinenpersonal ab 32 Jahren am Boden bleiben, die Uniformen veränderten sich von militärisch beeinflusster Eleganz zu Designs nach aktueller Mode – inklusive Minirock. Bis in die 1970er Jahre gab es ein Heiratsverbot für Stewardessen. An Bord glitzerte der Glamour-Faktor!

Heutzutage geht es mehr denn je um Sicherheit an Bord und darum, dass die Passagiere komfortabel von A nach B reisen können. Es bleibt abzuwarten, welchen Einfluss der Klimawandel auf den Beruf haben wird: Diskussionen um ein innerdeutsches Flugverbot oder den Einsatz umweltschädlichen Kerosins und nicht zuletzt die Corona-Krise setzen der Branche zu.

»Mein Vater wollte, dass ich Lehrerin werde«

Steffi Kessler erzählte mir aus ihrem Leben als Flugbegleiterin, das zurzeit geprägt ist von Kurzarbeit und einem neuen Nebenjob. Also für mich hat sie deutlich mehr drauf, als der Begriff »Saftschubse« vermuten ließe. 😉

SUCY: Wieso bist Du Flugbegleiterin geworden? Haben Deine Eltern Dir nicht geraten, »was Anständiges« zu lernen?

STEFFI: Ja, mein Vater hätten gerne gehabt, dass alle seine Kinder Lehrer werden.
Zuerst habe ich die Pilotenausbildung gemacht. Leider kam dann die Wirtschaftskrise 2008 und viele PilotInnen wurden entlassen. Die Fliegerei hat sich damals verändert. Airlines bildeten selbst weniger aus und ein neues Model wurde – auch dank Ryanair – etabliert. Es nennt sich »Pay to Fly«: Geld mitbringen, um bei einer Airline fliegen zu dürfen. In der Realität sah es so aus, dass man das sogenannte »Type Rating«, also die Musterberechtigung, selbst finanzieren musste, um dann für wenig Gehalt fliegen zu dürfen. 

Alles in allem sind das keine besonders attraktiven Konditionen. Zudem kam es im Cockpit zunächst zu einem Einstellungsstopp. Aus diesem Grund bewarb ich mich in der Kabine und flog erst Kurzstrecke bei Germanwings und nun Langstrecke bei Lufthansa

SUCY: Was ist das Beste an dem Job?

STEFFI: Das Beste an dem Job sind meine KollegInnen und die Langstreckenziele: Tokyo, Rio, Vancouver, New York. Für mich gibt es nichts Schöneres als morgens meinen Coffee to go am Ufer des Hudson River zu trinken, mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Ein Steak in Buenos Aires oder Okonomiyaki in Tokyo zu essen! 😉

SUCY: Und was nervt am meisten?

STEFFI: Das Nervigste sind, auch für uns, die Verspätungen. Und, zum Glück selten, unangenehme Passagiere. Auf die Frage »Chicken or Pasta« mit »Yes« zu antworten. 🙈 Die Liste geht unendlich weiter: »Kaffee oder Tee?« – »Ja«. »Rind oder Hähnchen?« – »Fisch, bitte«. »Haben Sie auch Cranberry Juice?« »Ich hätte gerne Pommes.« »Verstauen Sie meine Koffer.« »Ich muss nachher als Erster aussteigen.«

SUCY: Welche Prominente hast Du schon getroffen?

STEFFI: Der beste Prominente bei mir an Bord war Joachim Gauck, ein sehr wertschätzender und angenehmer Gast. Unmöglich benahm sich leider Günther Oettinger

Neuer Nebenjob erst im Impfzentrum des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart, dann in der ITA Impfambulanz

»Fleischesser, Skifahrer usw. kann ich bei Flight Shaming nicht ernst nehmen«

SUCY: Welchen (Geheim-) Code verwendet Ihr, wenn Ihr über Passagiere sprecht?

STEFFI: Wir nennen uns einfach gegenseitig den Sitzplatz: »Hast du schon 5 Fox gesehen?« oder »23 Bravo nervt« oder »45 Golf trinkt jetzt den fünften Gin Tonic«.   

SUCY: Wie hat die Corona-Pandemie dein Leben verändert?

STEFFI: Ich bin leider seit zwei Jahren in Kurzarbeit. Das heißt, ich fliege nur noch ein bis zwei Mal im Monat, statt wie bisher vier Langstrecken pro Monat. Daher hab ich mich auch im Impfzentrum beworben: Gehaltsausgleich, Freizeit sinnvoll füllen und endlich raus aus der Pandemie.

SUCY: Was sind Deine Post-Pandemie-Pläne?

STEFFI: Ich hoffe, wieder mehr zu fliegen und weiter meine Liste »abfliegen“« zu können. Ganz oben steht da Cancun und Kapstadt. Außerdem war ich noch nie in Nagoya (Japan), in Austin (Texas) – und Chennai (Indien) fehlt mir auch noch.

SUCY: Wie stehst Du zu einem Verbot von innerdeutschen Flügen zugunsten des Umweltschutzes?

STEFFI: Da der Flugverkehr, trotz alten Fliegern, nur 2,5% der weltweiten CO2-Emissionen ausmacht, denke ich: Es ist der falsche Ansatz. Mit Vegetariern oder Veganern, die dies aus umweltfreundlichen Gründen sind, rede ich gern über Flugverbote. Aber alle Fleischesser, Skifahrer usw. kann ich bei Flight Shaming nicht ernst nehmen! 😉

Ich würde es aber befürworten, wenn die Bahn eine echte Alternative schaffen würde: günstigere und bessere innerdeutsche Verbindungen. 

Für mich persönlich bedeuten die innerdeutsche Kurzstrecke einfach nur stressige Flüge aufgrund der kurzen Flugzeit und häufige Verspätungen, weil der Luftraum so voll ist. 

SUCY: Danke, Steffi!


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