KRIMI-KAPITEL 3 • Schlechte Witze

Fritzi schaute direkt in Captain Americas stahlblaue Augen. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte. Und noch weniger konnte sie glauben, wen sie vor sich hatte. Adrian war es, der sich an sie herangeschlichen hatte?
Der Kollege, der Wunderschöne? 
„Was hast du gesagt?“ Fritzi atmete schwer. 
„Der Tod ist näher als du denkst!“ Adrian wiederholte seine Worte nun lauter, aber immer noch so, dass niemand sonst ihn hören konnte. Er sah ernst aus, auf eine beängstigende Weise bedrohlich. Fritzis Herz raste. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. 

Plötzlich kicherte er, tätschelte ihre Schulter und sagte: „Das war doch nur ein Witz!“ Er drehte ihr den Rücken zu und ging ohne ein weiteres Wort ins Impfzentrum zurück. 
Das war der miserabelste Witz, den ich je gehört habe, du Komiker! Fritzi war ganz und gar nicht beruhigt. 
Was ist hier los?

„Was wollen Sie von mir?“ Der dicke Impfarzt stand jetzt vor Fritzi. Der Mitarbeiter der Security hatte ihn ins Gebäude geholt, genauso wie sie es gewollt hatte. Sie schaute Adrian noch hinterher, musste sich jetzt aber um diesen Arzt kümmern. Auf einmal wusste sie nicht mehr, weshalb sie ihn verdächtigt hatte, den abgetrennten Kopf eines Toten in ihrem Spind abgelegt zu haben. Nur weil er nervös gewesen war? Nur weil er sich klammheimlich verdrückt hatte? Sie griff sich an die Stirn, was sollte sie nur sagen? 

„Kommen Sie sofort mit, Sie Blender!“ Wie aus dem Nichts war Professor Truschinski aufgetaucht und stand neben Fritzi. Er blickte verächtlich auf den in Weiß gekleideten Mediziner, der seinen Blick senkte und aussah wie ein Schüler, der vom Lehrer beim Rauchen auf dem Klo erwischt worden war. 
„Wo haben Sie diesen Betrüger gefunden? Ich suche schon den ganzen Tag nach ihm.“ sagte der Professor zu Fritzi. „Er ist nämlich gar kein Arzt, hat ein gefälschtes Zeugnis vorgelegt, diese Kanalratte!“
Das saß.

Kein Arzt? Das war es also? Deshalb hatte er sich so verdächtig verhalten? Fritzi starrte den Professor an.
„Aber wer hat dann den Typen getötet, der in meinem Spind liegt?“
Professor Truschinski zuckte mit den Schultern: „Das weiß ich doch nicht!“

Fritzi rutschte mit dem Rücken an der Wand entlang bis auf den Boden. Dort kauerte sie mit angezogenen Beinen und rieb sich die Augen. Sie schwitzte noch immer. Das war mit Abstand der schlimmste erste Tag von allen ersten Tagen, die sie je erlebt hatte. Sogar ihr erster Schultag war schöner gewesen – und das obwohl ihre Mutter damals mehr Äpfel als Schokolade in die Schultüte gesteckt hatte. Der schlimmste erste Tag aller ersten Tage war bis heute jedoch das erste Date gewesen: Salvatore. Niemals zuvor und auch nie wieder danach hatte sie jemanden getroffen, der endlos über Bitcoins reden konnte.

Sie schaute sich in dem kleinen Vorraum um, in dem normalerweise die Security die Temperaturmessung der eintretenden Impflinge vornahm. Mittlerweile war hier niemand mehr. Der Professor hatte den falschen Arzt am Kragen gepackt und mit sich gezogen. 
Captain America hatte unverständliche Drohungen ausgesprochen und war dann irre kichernd verschwunden. 
Pierre war davon geschlendert. Er hatte sich wieder zu den anderen gesellt. 
Und Wilma war auch nirgendwo zu sehen. 

Fritzis Blick fiel auf einen verbeulten Mülleimer, der in der Ecke stand. Wäre ja kurios, wenn ein weiteres Körperteil darin läge. Das dachte sie zwar, glaubte allerdings nicht daran. Das wäre jetzt wirklich zu abenteuerlich! Sie erhob sich langsam und machte drei kleine Schritte. Jetzt stand sie vor dem Mülleimer. Sie schaute erst an die Decke. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Dann blickte sie nach unten. Direkt in den Mülleimer hinein. 
Eine Hand vielleicht? Ein weiterer Daumen? Der Fuß?

Nichts!    

„Was machen Sie hier?“
Fritzi erschrak und fuhr herum. Dicht vor ihr stand ein großer dünner Mann, er trug eine braune Lederjacke und machte auf sie irgendwie einen offiziellen Eindruck. Den Gestank nach Zigaretten konnte sie sogar durch die Maske wahrnehmen. Er schaute sie herausfordernd an.
„Ich… Es… Wer sind Sie?“ Fritzi ärgerte sich darüber, dass sie die Worte nur stammelnd hervorbrachte. Mittlerweile sollte sie sich an Überraschungen gewöhnt haben.  
„Polizei.“
„Wurde bei Ihnen überhaupt schon die Temperatur gemessen?“ Fritzi wurde immer wütender. Was bildete sich dieser Typ ein? Und von Abstand halten hatte er wohl auch nie etwas gehört.
„Wir sind die Polizei. Wir benötigen keine Temperaturmessung.“ Er deutete bei seinen Worten auf einen weiteren Mann jüngeren Alters, der hinter ihm stand und Fritzi neugierig musterte.
„Wissen Sie nicht, dass wir eine Pandemie haben?“ Fritzis Geduldsfaden war endgültig gerissen. Ihre Stimme klang gereizt.
„Und wissen Sie nicht, dass wir hier einen Toten haben?“ 
„Wie könnte ich das nicht wissen,“ entgegnete Fritzi, „sein Kopf liegt in meinem Schrank!“
Mit diesen Worten ließ sie die Beamten stehen und ging mit schnellen Schritten ins Innere des Impfzentrums zurück. Ihr Ex Ralph hatte mal gesagt, dass sie aussah wie ein zorniger und stampfender Bauer, wenn sie es eilig hatte. 

„Wie war das bitte?“ Die beiden Polizisten folgten ihr irritiert.

Während die Kripo-Beamten erst einmal den Fundort der Leichenteile ansteuerten, stellte sich Pierre neben Fritzi. Beide warteten am Eingang zum Pausenraum. 
„Was sagt ein Polizist, wenn er eine Flasche Bier öffnen möchte?“
„Hä?“ Fritzi verstand kein Wort von dem was Pierre faselte.
„Aufmachen! Polizei!“ Pierre lachte laut los, so lustig fand er seinen Witz.

Fritzi konnte jedoch nicht lachen – es war ihr förmlich im Hals stecken geblieben. Der Kripo-Beamte sagte nämlich etwas zu ihr, das sie zunächst auch für einen Witz hielt. Er hatte sich breitbeinig vor sie gestellt.
Pierre war verstummt und schaute zwischen Fritzi und den Polizisten hin und her. 
Noah, der Teamleiter, war ebenfalls dazu gekommen und verschränkte ungläubig die Arme.
Fritzi schluckte.
Das konnte unmöglich wahr sein. Sie musste sich verhört haben: „Könnten Sie das bitte wiederholen?“
Der große dünne Mann von der Kripo betonte jetzt jedes einzelne Wort. Er sprach langsam und sehr laut.
Sein jüngerer Kollege schien unter der Maske zu grinsen. 
„Sie sind verhaftet.“

Fortsetzung folgt …

» ZUR SPOTIFY-PLAYLIST
» ZU KAPITEL 1 • Der neue Job im Impfzentrum
» ZU KAPITEL 2 • Der Verdacht

[Für Steffi,
Cabin Crew please prepare for lift off!]

Du magst vielleicht auch

9 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.