Stuckrad-Barre hätte sich trauen sollen – »Noch wach?« ist kein Weckruf, aber wichtig

Noch wach? Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre Kritik Rezension von Sucy Pretsch 4 Sterne für das neue Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre +++ Eine fast leere Hülle statt einer Enthüllung +++

+++ 4 Sterne für das neue Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre +++ Eine fast leere Hülle statt einer Enthüllung +++

Benji, da bist du ja wieder!

»Da isser wieder!« kam mir in den Sinn, als ich hörte, dass Benjamin von Stuckrad-Barre ein neues Buch raus bringt. Was hat der »Popliterat« meiner Generation vor? »Popliteratur« wurde vor allem in den 1990er-Jahren geprägt wird, fand (und findet) Leser in Massen, doch in den Feuilletons meist keine gute Presse.* Der Literaturwissenschaftler Marcus Gentner schreibt, dass »der Ausdruck Popliteratur […] hauptsächlich als Etikett benutzt [wurde], um Büchern ein jugendlich-frisches und aufmüpfiges Image zu geben.«. Ja und genau dort habe ich Benji immer eingeordnet.

Ich nenne ihn Benji, da wir gleich alt sind und beide der »Generation X« angehören, auch «Generation Golf« genannt – da duzt man sich und nennt sich beim Spitznamen. Sein Debütroman »Soloalbum« von 1998 kam gut an und stellte gleichzeitig seinen Durchbruch als Autor dar. Und doch verlor man sich mit den Jahren aus den Augen. Ob er wohl widerspenstig und aufsässig ist, weil er Sohn eines Pastors ist, habe ich mich immer gefragt. Und daran musste ich auch jetzt wieder denken.

Es war also ruhig geworden um den 48-Jährigen bis es vor ein paar Jahren bei »Bild« ordentlich knallte. Mittendrin: Benji. Er ist ein Kind des Springer-Verlags (tätig dort von 2008 bis 2018), galt als angesehener Autor und gewissermaßen Aushängeschild des Konzerns. Als solcher nahm Benji lange keinen Anstoß an der zweifelhaften Ausrichtung der Springer-Presse. Es ist inzwischen bekannt, dass Frauen, die in grenzüberschreitendem Kontakt mit Julian Reichelt standen, später die Verbindung zu Stuckrad-Barre suchten (angeblich dienten sie ihm jetzt als Informationsquelle für seinen Roman) – was am Ende zum Bruch zwischen Reichelts Boss Mathias Döpfner und Benji führte.

Der Roman: (vielleicht) gut gemeint

Man hört den Autor sagen: »Frauen aus dem Springer-Verlag begannen mich anzurufen – und machen es bis zum heutigen Tag. Frauen, die mir ihre Geschichte erzählen. Warum sie sich bisher nicht geäußert haben, was sie denn machen sollen.«** So hat diese ganze unsägliche Geschichte ihn wohl zu dem Buch »Noch wach?« inspiriert. Vielleicht, weil man mal drüber reden sollte über ein verkommenes, weil abartig frauenfeindliches und machtmissbrauchendes System? Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch ein bisschen aus Rache. Oder weil Benji mal wieder ein aufmerksamkeitsstarkes Buch schreiben wollte. Die Gründe bleiben schleierhaft, viel wird unterstellt, viel gemutmaßt.

Eine Enthüllung indes sei es nicht, betont der Autor bei jeder Gelegenheit, sondern eine fiktive Geschichte – ein bisschen inspiriert von der traurigen Realität, die im Hause Springer vorherrschte. Julian Reichelt und Mathias Döpfner als Vorbild für die Protagonisten – sorry, Ähnlichkeiten sind rein zufällig – in einer Story voll von #MeToo, Machtmissbrauch, Frauenfeindlichkeit und skrupellosem Chauvinismus. So weit, so gut (gemeint).

Achtung Spoiler!

Viel war also spekuliert worden im Vorfeld, die Springer-Bosse und nicht zuletzt vielleicht auch Julian Reichelt möglicherweise etwas unruhig. Die Anwälte wurden schon mal in Stellung gebracht. Es begann ein regelrechter Medien-Hype. Und dass Kritiker keine Vorab-Exemplare zum Lesen bekamen, befeuerte das Rätselraten darum, ob Benji etwa doch als Enthüllungsjournalist auftreten würde.

Nein. Er tat es nicht. Er beschreibt eine fiktive! (ja, wir haben es verstanden) Geschichte aus der Sicht eines Ich-Erzählers, der sich von »seinem Freund« nach und nach distanziert und am Ende (Achtung Spoiler!) mit ihm bricht. Dazwischen liegen viele Seiten des innerlichen Kampfes und der Schilderungen von Frauen, die von Annäherungen und Machtmissbrauch in der Grauzone des Erlaubten berichten. #MeToo eben.

Bevor ich auf das Wie des Buches komme, möchte ich kurz über das Warum nachsinnen. Warum schreibt Benji sowas? Aus Rache? Geschenkt. Ist dein eigenes Ding, das du da am Laufen hast mit Springer. Aus dem Drang heraus, mal wieder auffällig zu sein? Möglich. Interessiert mich und die meisten Leser aber nicht. Was die Gesellschaft interessiert – und unbedingt interessieren MUSS – ist das Thema MACHT, um das es im Buch »Noch wach?« geht.

Denn man muss darüber sprechen, weiterhin sprechen, immerfort sprechen. So lange, bis Menschen wie Harvey Weinstein, Bill Cosby, Dieter Wedel, Donald Trump und und und… es verstehen und ein für alle mal verinnerlichen: Sexuelle Belästigung, sexuelle Übergriffe, Nötigung und Machtmissbrauch (besonders in diesem Zusammenhang) werden nicht toleriert. Und wir reden so lange darüber, bis Frauen, Männer, Kinder, Angestellte und und und… selbstbewusst und aufrecht genug sind, eindeutige und klare Stoppzeichen zu setzen. Mehr noch: sich wirksam wehren und gar nicht erst zum Opfer werden.

4 Sterne für das neue Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre +++ Eine fast leere Hülle statt einer Enthüllung +++

In einem Interview mit 3SAT sagt Benji, er wäre gerne mal der »medienscheue Kritikerliebling«. Ich denke, daraus wird erst mal nichts. Es gibt positive Reaktionen, ja (NZZ: »Er hat kein Buch über, sondern gegen Springer geschrieben. In den Kreisen, in denen man diesen Verlag und vor allem «Bild» schon immer verachtet hat, wird man es begeistert aufnehmen und eifrig zitieren«). Doch zumeist wird ihm Berechnung vorgeworfen oder zumindest den Wunsch, aus seinem Erlebten Kapital zu schlagen.

Auf Twitter*** geht es hoch her. Alf Frommer schreibt: »Benjamin von Stuckrad-Barre einfach cleverster Typ der Nation: Sich erst von Döpfner fürstlich fürs Nichtstun entlohnen lassen und vom Boys Club System profitieren. Und jetzt mit der öffentlichen Abkehr und den Interna einen Bestseller basteln und damit weiter gut abkassieren.«

Ein User namens Stephan meint: »Ich finde es erstaunlich, wie viel mediale Aufmerksamkeit Stuckrad-Barre für sein neues Buch gerade bekommt. Und wie er dafür gefeiert wird, ein “metoo”-Buch geschrieben zu haben. Zahlt sich dann doch aus männlich und weiß zu sein. Und Ex-Kumpel von Döpfner. «

Benjamin von Stuckrad-Barre hat sich nicht getraut. Vermutlich haben ihm Anwälte abgeraten, eine echte Enthüllung zu schreiben. Warum sonst hätte er es nicht tun sollen? So ist eine verzwirbelte und langatmige Geschichte entstanden, die sich windet und windet – und vorhersehbar ist (da man die Realität kennt). Als Print 384 Seiten, als Hörbuch 11 Stunden und 39 Minuten (gelesen von Benji selbst, vermutlich weil sich niemand fand, der seine Schachtelsätze lesen kann, siehe nächster Abschnitt).

Voll »weird«: flache Story-Line mit Schachtelsätzen, Wortspielen und Gen Z-Sprache

Man kämpft sich durch Schachtelsätze, die, würde ich sie in ihrer ausschweifenden Erscheinung verwenden, was mich vielleicht einigermaßen gebildet erscheinen ließe, jedoch dazu führen würde, dass Google, diese machtmissbräuchliche KI-Maschine, meinen Blog-Beitrag noch versteckter ausspielt als ohnehin, da Schachtelsätze, weil unleserlich, von Google nicht geschätzt werden. Genau. Unleserlich.

Und wenn wir gerade bei Sprache sind: Benji klingt meistens wie ein Vertreter des Bildungsbürgertums. Doch dann: Der Autor durchsiebt seine Sätze mit englischen Brocken (»Shame on me und so weiter, give me a break.«), wie es die »Gen Z« gerne tut. Da Benji nicht dieser Generation angehört, nehme ich es als störend wahr. Vielleicht aber auch nur deshalb, da ich selbst viel zu alt bin für diese Sprache. Aber »akward« klingt’s schon, du »weirder Dude«.

Aber ich mag die Wortspiele, weil ich ein Fan flacher Witze bin. Daher gefallen mir Formulierungen wie »Gehe nicht über Los… Angeles, sondern nach Berlin – ins Gefängnis«. Oder auch gut: »Gebrochen hätte ich auch gerne, aber keine Lanze«. Witzig oder?

Eine nüchterne Betrachtungsweise ist schwer bei diesem öffentlichkeitsbelasteten Autor und der medienwirksamen Vermarktung seines Buches. Dies alles ringt mir ein intensives Augenrollen ab. Aber das Thema #metoo ist einfach zu wichtig und je mehr über verkommene Systeme geschrieben wird, desto besser. Also belassen wir es dabei: Gutes Thema, schwache Story-Line mit der eindeutigen Tendenz zur Langatmigkeit. Eine fast leere Hülle statt einer Enthüllung. Von mir gibt’s 4 von 5 Sternchen!

Auch interessant im Blog:

*Quelle: Deutschlandfunk.de
**Quelle: t-online.de
***Quelle: br.de


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