True Crime: Der Fall Lucy Letby – die unfassbare echte Geschichte hinter der Netflix-Doku

True Crime: Der Fall Lucy Letby – die unfassbare echte Geschichte hinter der Netflix-Doku

Lesezeit: 7 Minuten
Die neue Netflix-Doku über Lucy Letby jagt Millionen eine Gänsehaut ein. Eine Kinderkrankenschwester, sieben tote Babys, ein Jahrhundertprozess. Doch die wahre Geschichte dahinter ist noch verstörender, als es der Trailer erahnen lässt. Zwischen Brutkästen, Alarmtönen und Tränen von Eltern entfaltet sich ein Fall, der irgendwo zwischen Horror und möglichem Justizirrtum hängt.

True Crime: Der Fall Lucy Letby – die unfassbare echte Geschichte hinter der Netflix-Doku

Der Fall Lucy Letby heute: Gefängnis, gescheiterte Berufungen und ein letzter Strohhalm
The Investigation of Lucy Letby. Dr Dewi Evans in The Investigation of Lucy Letby. Cr. Courtesy of Netflix © 2026

Auf den ersten Blick wirkt Lucy Letby wie die perfekte Kinderkrankenschwester – vodafone.de berichtet. Sanftes Lächeln, liebevolle Karten von Eltern, Fotos mit Babys auf dem Arm. Seit 2012 arbeitet sie auf der Neugeborenen-Intensivstation eines Krankenhauses im Nordwesten Englands. Dort werden Frühchen und schwer gefährdete Babys versorgt, die um ihr Leben kämpfen. Nichts deutet zunächst darauf hin, dass ausgerechnet hier eine der schockierendsten True-Crime-Geschichten des Landes beginnen könnte.

Doch 2015 kippt die Bilanz. Plötzlich sterben deutlich mehr Neugeborene als in den Jahren zuvor. In der ersten Hälfte von 2016 geht die Horrorserie weiter. Ärztinnen und Ärzte sind alarmiert, denn die Todesrate steigt, ohne dass klare medizinische Ursachen gefunden werden. Obduktionen und externe Prüfungen bringen zunächst keine eindeutigen Antworten.

Privat führt Lucy Letby ein unspektakuläres Leben. Sie wohnt allein in einem Haus, nur einen kurzen Fußweg vom Krankenhaus entfernt. Freunde beschreiben sie als ruhig, freundlich, unauffällig. Eine Frau, die scheinbar ganz in ihrem Beruf aufgeht und sich den Schwächsten widmet.

Doch zwei Ärzte auf der Station werden misstrauisch. Sie vergleichen Todesfälle und Dienstpläne und stoßen auf ein Muster. Auffällig viele der dramatischen Vorfälle passieren, während Lucy Letby im Dienst ist. Mehrfach schlagen sie bei der Klinikleitung Alarm und fordern, sie von der Station abzuziehen.

The Investigation of Lucy Letby. Dr Shoo Lee in The Investigation of Lucy Letby. Cr. Courtesy of Netflix © 2026

Im Oktober 2022 beginnt in Manchester der Prozess, einer der längsten Mordprozesse in der britischen Geschichte. Die Anklage zeichnet das Bild einer eiskalten Serienmörderin im Kittel. Insgesamt geht es um sieben getötete Babys und zahlreiche weitere versuchte Morde. Lucy Letby bestreitet jede einzelne Tat.

Vor Gericht legen Expertinnen und Experten ihre Sicht dar. Laut Anklage sollen die Babys auf kaum erkennbare Weise getötet worden sein. Es ist von Luft die Rede, die in den Blutkreislauf gelangte, von Luft und Milch über Sonden, von Insulin, das heimlich verabreicht worden sei. Die Kinder seien vorher stabil gewesen, heißt es. Andere Erklärungen würden ausgeschlossen.

Ein wichtiger Gutachter stützt diese Theorie, nachdem er die Akten geprüft hat. Außerdem präsentiert die Staatsanwaltschaft ein Dokument mit Überschneidungen zwischen Todesfällen und Lucys Dienstzeiten. Besonders emotional wirken handschriftliche Notizen, die bei ihr zu Hause gefunden werden. Darauf stehen Sätze voller Schuld und Verzweiflung, die die Anklage als Geständnis deutet.

Nach 145 Prozesstagen fällt das harte Urteil: lebenslange Haft, ohne Aussicht auf Entlassung. Ein Motiv bleibt ungeklärt. Doch die Medien haben ihr Monster gefunden. Schlagzeilen nennen sie „Großbritanniens schlimmste Kindermörderin“ und „kalte Killerin“. Genau diese Bilder greift die Netflix-Doku auf – und zerlegt sie dann Stück für Stück.

Der vielleicht spannendste Teil der Doku beginnt, als internationale Expertinnen und Experten ins Spiel kommen. Ein Gremium von Fachleuten für Neugeborenenmedizin nimmt 17 Fälle noch einmal unter die Lupe. Ihr Fazit wirkt wie eine Explosion im sicheren Weltbild der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Laut diesem Gremium gibt es in allen Fällen medizinische oder organisatorische Erklärungen. Natürliche Komplikationen bei extrem früh geborenen Kindern, riskante Verläufe, möglicherweise schlechte Versorgung. Sie widersprechen der ursprünglichen Deutung, dass hier eine unsichtbare Mörderin am Werk gewesen sei. Einige der angeblichen Mordmethoden werden als „praktisch nicht durchführbar“ oder sogar als „Blödsinn“ bezeichnet.

Hinzu kommt der Zustand der Station in der fraglichen Zeit. Berichte sprechen von Personalmangel, zu wenig erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzten und Hygieneschwierigkeiten. In einem geleakten Bericht ist von einem gefährlichen Bakterium die Rede, das für Neugeborene lebensbedrohlich sein kann. All das wirft einen anderen, deutlich dunkleren Schatten auf das Krankenhaus selbst.

Ein zentrales Element der Anklage war die Überschneidung von Lucys Schichten und den Todesfällen. Für viele wirkte das wie der finale Beweis. Doch genau hier gräbt die Doku tiefer.

Lucy Letby galt als besonders qualifiziert und sprang häufig für Kolleginnen und Kollegen ein. Die Station war knapp besetzt, also übernahm sie viele Dienste. Wer mehr Schichten leistet, ist statistisch auch bei mehr kritischen Ereignissen anwesend. Das ist auffällig, aber nicht automatisch kriminell.

Zusätzlich wird kritisiert, dass das Dienstzeiten-Dokument der Anklage nicht alle Vorfälle abbildet. Fälle, in denen Letby nicht im Dienst war, tauchen offenbar nicht vollständig auf. Die Doku stellt die Frage, ob ein erzählerisches Muster über harte Fakten gestellt wurde. Der Fall wirkt plötzlich weniger klar als im ursprünglichen Prozess.

Kaum ein Beweisstück ist so emotional wie Lucys handgeschriebene Notizen. Darauf stehen Sätze wie „Es tut mir leid“ und „Warum ich?“. Sie klingen nach Schuld und Selbsthass. Im Gerichtssaal wurden sie als Schlüsselmoment inszeniert.

Eine forensische Psychologin, die in Berichten zitiert wird, ordnet die Zettel jedoch anders ein. Für sie zeigen sie vor allem eine Frau unter extremem seelischem Druck. Lucy soll die Notizen auf Anraten eines Therapeuten geschrieben haben. Sie sollten helfen, Gedanken zu sortieren und mit der Überforderung umzugehen.

Die Netflix-Doku nimmt sich Zeit für diese Feinheiten. Sie stellt die Frage, wie leicht Verzweiflung als Geständnis missverstanden werden kann. Gerade in einem Fall, in dem die Öffentlichkeit nach einem Schuldigen schreit.

Lucy Letby sitzt weiterhin in einem Hochsicherheitsgefängnis in England. Ihr Alltag ist bestimmt von Mauern, Kontrollen und der Gewissheit, dass sie nach aktueller Lage nie wieder in Freiheit kommt. Während draußen die Doku gestreamt wird, verstreichen drinnen die Tage.

Ihre neuen Anwältinnen und Anwälte haben bereits zwei Anträge auf Berufung gestellt. Beide wurden vom zuständigen Gericht abgelehnt. Bleibt nur noch eine Möglichkeit: Eine spezielle Kommission kann entscheiden, ob der Fall neu aufgerollt werden soll. Dieser Schritt ist möglich, aber langwierig. Es kann Jahre dauern, bis eine Entscheidung fällt.

Bis dahin bleibt die Lagerbildung extrem. Für viele ist Lucy Letby eine der grausamsten Täterinnen der britischen Geschichte. Für andere ist sie das vielleicht bekannteste Opfer eines Systems, das sich verrannt hat. Genau zwischen diesen Polen siedelt sich die Netflix-Doku an – und zwingt das Publikum, Stellung zu beziehen.

Der Fall Lucy Letby heute: Gefängnis, gescheiterte Berufungen und ein letzter Strohhalm
The Investigation of Lucy Letby. Lucy Letby in The Investigation of Lucy Letby. Cr. Courtesy of Netflix © 2026

Diese Doku ist mehr als bloße True-Crime-Unterhaltung. Sie trifft empfindliche Punkte unserer Zeit. Vertrauen wir Krankenhäusern noch, wenn selbst auf der Neugeborenenstation solche Vorwürfe im Raum stehen? Wie sicher sind Urteile, wenn Fachleute Jahre später massive Zweifel äußern? Und wie groß ist die Macht von Medien, wenn eine Frau weltweit zur „Babykillerin“ abgestempelt wird?

Visuell setzt die Doku auf starke Kontraste. Kaltes Neonlicht, piepende Monitore, winzige Körper in Inkubatoren. Dazwischen Fotos einer lächelnden Krankenschwester, die entweder Täterin oder Sündenbock ist. Die Spannung entsteht nicht nur aus den Fakten, sondern aus der ständigen Unsicherheit: War es Mord – oder tragische Kette von Fehlern und Versagen?

Am Ende bleibst Du mit einer Frage zurück: Vertraust Du dem ersten Urteil oder den neuen Zweifeln? „Der Fall Lucy Letby“ liefert keine einfache Auflösung, aber eine glasklare Gänsehautgarantie – und macht die nächste Diskussion im Wohnzimmer, im Buchclub oder True-Crime-Podcast praktisch unausweichlich.

Die Doku läuft seit 2. Februar bei Netflix

Textquelle: Netflix, vodafone.de // Bildquelle: Netflix


Zusammenfassung

Die Netflix-Doku „Der Fall Lucy Letby“ erzählt die Geschichte einer britischen Kinderkrankenschwester, die wegen sieben Babymorden verurteilt wurde. Der Prozess gilt als einer der spektakulärsten True-Crime-Fälle Großbritanniens. Internationale Fachleute stellen inzwischen jedoch zentrale Beweise, vermeintliche Mordmethoden und die Auswertung der Dienstzeiten massiv infrage. So wird aus der angeblichen Serienmörderin womöglich das Zentrum eines Justizdramas mit Gänsehautpotenzial.

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