Arm bleiben, reich träumen? Warum Keanu Reeves’ »Good Fortune« die Arbeiterklasse mit Lügen-Moral abspeist

Arm bleiben, reich träumen? Warum Keanu Reeves’ »Good Fortune« die Arbeiterklasse mit Lügen-Moral abspeist

Arm bleiben, reich träumen? Warum Keanu Reeves’ »Good Fortune« die Arbeiterklasse mit Lügen-Moral abspeist. „Good Fortune“ will die große Kapitalismuskritik sein – und landet doch eher beim Kuschel-Kino fürs schlechte Gewissen. Aziz Ansari inszeniert mit Keanu Reeves und Seth Rogen eine Klassenkampf-Komödie, die viel verspricht und am Ende vor allem eines sagt: Bleib bitte da, wo du herkommst – und sei dankbar, wenn dir jemand Geld zuwirft.

Arm bleiben, reich träumen? Warum Keanu Reeves’ »Good Fortune« die Arbeiterklasse mit Lügen-Moral abspeist

Arj schuftet sich in der Gig-Economy kaputt. Essenslieferungen, miese Bezahlung, null Sicherheit. Dann platzt Keanu Reeves als übernatürlicher Schutzengel ins Bild. Plötzlich bekommt Arj eine zweite Chance, mehr Geld, mehr Möglichkeiten, mehr „Fortune“. Der Film will zeigen, wie sich Macht, Status und Moral verschieben. In der Praxis wirkt es oft wie eine Hochglanzversion von „Arm trifft Reich“, in der Reichtum am Ende erstaunlich bequem macht.

Der Film zeigt Ausbeutung, aber bleibt mutlos. Ja, wir sehen prekäre Jobs, Überstunden, Demütigungen. Doch anstatt Strukturen anzugreifen, biegt „Good Fortune“ Richtung Wohlfühl-Märchen ab. Kapitalismuskritik wird hier zur Deko, nicht zur Waffe.

Die Botschaft wirkt fatal simpel: Geld fällt vom Himmel, Probleme verschwinden, alle lächeln. Arj bekommt Reichtum, aber nicht wirklich Verantwortung. Er hinterfragt das System kaum. Er nutzt es. Genau da wird es bitter: Wer unten ist, soll offenbar froh sein, wenn „oben“ mal ein Geschenk macht. Gesellschaftlicher Aufstieg passiert hier als Wunder, nicht als Kampf oder Veränderung. Die Klassenordnung bleibt unangetastet.

Die unterschwellige Moral wirkt wie: Jeder bleibt in seinem Teich. Wer plötzlich im Luxus schwimmt, soll bloß nicht zu laut fragen, warum der Rest noch im Dreck steht. Diese Wohlstands-Naivität durchzieht den Film. Er schaut auf Arbeiterinnen und Arbeiter, aber selten wirklich von unten. Die Perspektive riecht nach Laptop, Loft und gutem Gewissen.

Und dann ist da Keanu Reeves. Er ist klar das Zugpferd des Films. Als Schutzengel bringt er Charme, Wärme und eine Portion Selbstironie mit. Viele Szenen funktionieren nur, weil er sie trägt. An manchen Stellen wirkt er allerdings auch etwas steif.

Reeves spielt die Rolle dennoch souverän, fast schon zu nett. Er schwebt durch die Handlung wie eine Beruhigungstablette fürs Publikum. Seine Präsenz macht „Good Fortune“ leichter verdaulich, aber auch ungefährlicher. Anstatt den moralischen Konflikt anzuschärfen, poliert er ihn oft weich. Man spürt: Ausgerechnet der größte Star soll hier das schlechte Gefühl auffangen, das die Story eigentlich auslösen müsste.

Der Film streift große Themen: soziale Ungleichheit, Klassenkampf, Leben am Existenzminimum. Doch statt bissiger Satire gibt es oft nur lauwarmen Kommentar. „Good Fortune“ wirkt wie eine Mischung aus „Ist das Leben nicht schön?“ und „Die Glücksritter“, nur ohne deren Biss.

Die Story legt Finger in Wunden, zieht sie aber schnell wieder zurück. Es gibt Witze über Essenslieferungen, Nebenjobs, bröckelnde Träume. Doch wenn es spannend werden könnte, flüchtet der Film in Feelgood-Momente. Am Ende steht die Botschaft: Es ist hart da draußen, aber mit etwas Glück und einem Engel an deiner Seite wird alles gut. Das mag tröstlich wirken, ist aber politisch zahm.

Arm bleiben, reich träumen? Warum Keanu Reeves’ »Good Fortune« die Arbeiterklasse mit Lügen-Moral abspeist

„Good Fortune“ ist keine Katastrophe. Er ist oft charmant, stellenweise berührend, und Keanu Reeves macht Spaß. Der Film unterhält, er lässt sich angenehm weggucken, gerade weil er große Fragen nur anreißt.

Genau darin liegt das Problem: Wer sich wirklich mit Klassenkampf, Gig-Economy und Ungleichheit auseinandersetzen will, bekommt hier eher eine Postkarte als eine Analyse. Die Moral wirkt, als wäre gesellschaftlicher Aufstieg ein Lotteriegewinn, kein Recht. Unten bleibt unten, oben bleibt oben – nur eben mit einem Engel, der gelegentlich ein paar Münzen wirft.

Textquelle: Apple Originals // Bildquelle: Stock Adobe


Zusammenfassung

Good Fortune“ zeigt Gig-Economy, Armut und Klassenkampf, traut sich aber kaum echte Systemkritik. Statt Strukturen zu hinterfragen, verkauft der Film Geld als Wundermittel und gesellschaftlichen Aufstieg als Glücksfall von oben. Keanu Reeves ist als Schutzengel charmant, poliert aber vor allem das schlechte Gewissen – die Moral bleibt bequem und bitter oberflächlich.

Sende
Benutzer-Bewertung
0 (0 Stimmen)

Du magst vielleicht auch